Warum es immer mehr Allergien, kranke Kinder und Volkskrankheiten gibt

Allergien beginnen meist im Babyalter die Gründe sind Weichmacher, Kaiserschnitt und übertriebene Hygiene

Die Zahl der Allergiker und chronisch kranken Kinder steigt. Bereits vor und während der Geburt sowie in den frühen Kinderjahren finden sich hierfür diverse Gründe, die letztlich alle mit dem modernen und komfortablen Leben zusammenhängen. Foto: © Fotolia.com – yana136

Thema Allergien vs. „Dreck macht Speck“. So hieß es bei Oma immer und die Landfrau meinte damit, dass etwas Dreck dem Körper nicht schadet. Wenige Generationen später lebt die Mehrheit in der Stadt und nachweislich mehr Menschen leiden insbesondere dort an Allergien, Atemwegserkrankungen oder andere Krankheiten. Verschiedene Forschungsergebnisse zeigen auf, wo die erstaunlichen Ursachen liegen und warum bereits vor und bei der Geburt oder in Kindertagen die Basis gelegt wird. Alle Ursachen finden sich im modernen Lebensstil.

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind krank. Asthma, Allergien, Autoimmunerkrankungen, Unverträglichkeiten, Darmerkrankungen und Co. betreffen heute bereits 11 Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Jungen unter 17 Jahren. Tendenz steigend.

Zahlreiche Forschungsinstitute untersuchen heutzutage, woher etwa die steigende Zahl etwa der Pollen- oder Hausstaubmilbenallergiker kommt, warum die Zahl der Asthmatiker oder der allergischen Hautreaktionen ansteigen.

Lange Zeit hieß es, dass gerade Städter etwa zur Pollenallergie neigen, da der Ruß an diesen winzig kleinen Teilchen auf unseren Schleimhäuten Abwehrreize auslöst. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Das Landleben schützt vor Allergien

Das Universitätsspital Genf hat in einer Studie genauer geprüft, warum Kinder die auf einem Bauernhof aufwachsen, viel seltener an einer Pollenallergie leiden.

Das Ergebnis war, dass Kinder, die auf dem Land aufwachsen, am besten auf dem Bauernhof, lediglich ein Drittel so oft mit Allergien geplagt sind, wie heutige Stadtkinder. Das erklären die Forscher damit, dass Kinder auf dem Land von Anfang an mit jeder Menge Bakterien, Pilzen und Viren in Kontakt kommen. Dies schule letztlich das Immunsystem. Allergene die das Stadtkind mit einer Immunreaktion quittiert, lösen beim Landkind signifikant seltener Reaktionen aus. In Versuchen mit Mäusen, die im Stall und im Labor aufwuchsen wurde die Erkenntnisse besser erklärt.

Auffallend war für die Forscher: Auch die Zusammensetzung der Bakterien und Viren im Darm war bei der im Stall geborenen Maus eine andere, als jene von rein im Labor aufwachsenden. Die dritte Gruppe, jene Mäuse, die nach 4 Wochen erst in den Stall kam. lag in etwa dazwischen.

Das für das Immunsystem so wichtige Organ, der Darm, sei laut den Forschern bei Landbewohnern für Attacken von außen besser gerüstet. Sehr gut sei der Schutz vor Allergien bei jenen Kindern, so die Datenlage, deren Mutter in der Schwangerschaft auf dem Bauernhof mitarbeitete, auch und gerade im Stall.

Die Theorie der gesunden Landkinder und der allergiebelasteten Stadtkinder ist in verschiedenen Untersuchungen nahegelegt worden.

Vielleicht sollte das heute übliche Stubenhockerdasein der Kinder beendet werden und ab geht es, raus in die Natur. Und Hygienespüler, bakterienkillende Spül- oder Putzmittel sollte man vielleicht aus dem Haushalt verbannen.

Hygiene & frisch vom Bauern

Schwedische Forscher der Universität Göteborg wollten 2015 herausfinden, wie die Allergielage bei 7- bis 8-jährigen Kindern liegt. An der Studie nahmen 1029 Kinder aus Nord- und Südschweden teil. Hierzu wurde gefragt, ob man eine Geschirrspülmaschine nutzt oder Vorzugsweise von Hand abspült, beim Bauer oder im Supermarkt kauft und fermentierte Lebensmittel isst. Ein typisches, fermentiertes Lebensmittel ist in Deutschland Sauerkraut, das durch Milchsäurebakterien haltbar gemacht wird. Diese beeinflussen die Darmflora positiv und regeneriert den Darm sogar nach einer Antibiotikaeinnahme.

Zudem wurde gefragt, ob Kinder an chronischem Schnupfen, allergischen Erkrankungen wie Asthma oder Hautekzemen leiden.

Besonders signifikant war für die Forscher, dass in Haushalten ohne Spülmaschine 23 Prozent der Kinder Hautprobleme hatten. In den Haushalten mit Geschirrspüler waren es 38 Prozent. Ähnlich signifikant war das Ergebnis in Sachen Asthma (1,7 versus 7,3 %).

Zu große Hygiene ist kontraproduktiv

Die Forscher führten das auf die größere Hygiene durch das Geschirrspülen mit der Maschine zurück. Diese hinterlasse im Gegensatz zur Handspülmethode keine Mikroorganismen auf dem Geschirr. Auch diese stärken wohl das Immunsystem letztlich.

War es der Fall, dass keine Spülmaschine im Haus war, man Lebensmittel direkt vom Bauer und Fermentiertes aß – oder zwei der drei Kriterien erfüllte –, dann hatten 19 Prozent dieser Kinder eine der drei Erkrankungen. Bei einer oder keiner der drei Variablen litten mit 46 Prozent, also annähernd jedes zweite Kind, an einem der drei abgefragten Symptome.

Frisch aus dem Beet – lecker & gesund

Wie war das früher in Omas Garten? Sie zog uns eine Karotte oder ein Radieschen aus dem Beet, wischte es etwas ab, es wurde allenfalls in der Wasserzisterne kurz abgespült und man hat das frische Gemüse mit seinen dreckigen Händen und mit Genuss verspeist. Jede Menge Mikroorganismen inklusive. Und heute? Nachdem Gemüse durch große Waschstraßen lief, sodass es anschließend aussieht, als ob es noch nie einen Acker gesehen hätte, wird es gerne in Plastik eingepackt und landet im Supermarkt.

Und auch dort, in den plastikverpackten Lebensmitteln lauert die allergieauslösende Gefahr. Leider nicht nur dort.

Aus Plastik wird Allergie

Phthalate sind eine Gruppe von Weichmachern, die uns praktisch überall in unserem Alltag umgeben. Er wird benutzt, um nicht nur Kunststoffe weicher, elastischer und langlebiger zu machen. Zu finden sind sie in Bekleidung, in Kunststofffolien und -Gegenständen, Plastikverpackungen und -Flaschen, Kosmetika, Medikamentenkapseln, Lacken, Farben und Teppichböden oder Möbeloberflächen, Druckfarben oder Klebstoffe und im Hausstaub. Phthalate begegnen uns praktisch auf Schritt und Tritt.

Problematisch: Der Mensch kann sie durch Kontakt, über die Atmung oder das Essen aufnehmen und sie reichern sich im Körper an. In das Essen gelangen sie beispielsweise durch Verpackungen aus Plastik wie Karton oder Papier. Hiervon werden sie etwa durch Fett und Wasser gelöst. Kein Wunder, dass praktisch jeder Mensch Phthalate in seinem Körper trägt. Diese sind für Mediziner leicht im Urin nachweisbar.

Neben dem nachgewiesenen Einfluss von diesen Weichmachern auf unser Hormonsystem, etwa Unfruchtbarkeit (negativer Einfluss auf die Spermienqualität) oder Störungen in der kindlichen Entwicklung, dem Verdacht, Diabetes und Fettleibigkeit, Leberschäden und Verhaltensstörungen bei Kindern – Stichwort Hyperaktivität – auszulösen, sind Phthalate wohl auch für das frühere Einsetzen der Menopause verantwortlich. All diese Auswirkungen von Weichmachern sind in Studien belegt (Informationen hierzu hat das Ärzteblatt zusammengefasst). Zudem stellte eine Forschergruppe auch noch deren Allergiepotenzial fest.

Weichmacher & Mütter

Wissenschaftler des Helmholtz-Instituts für Umweltforschung, kurz UFZ,  untersuchten werdende und stillende Mütter und deren Kinder. Die Forscher stellten einen Zusammenhang her zwischen erhöhter Phthalat-Konzentration im Körper von Müttern und dem Vorkommen von Allergien und allergischem Asthma bei Kindern fest. Die Wahrscheinlichkeit, ein allergiebehaftetes Kind zu sein würde durch die Weichmacher stark erhöht.

Der Grund ist der negative Einfluss auf regulierende Gene im Körper. Sie werden einfach durch den Weichmacher bei Föten oder Neugeborenen abgeschaltet. Sozusagen Gentechnik der anderen Art.

Plastikfrei ist nicht nur in Umweltbelangen daher ein wichtiges Thema. Frisch vom Markt oder vom Metzger etwas kaufen, unverpackt und selbst angebaut sind die nicht ganz so kostengünstigen oder sicheren Alternativen.

Das mit dem Kaiserschnitt

30 Prozent der Kinder kommen heute in Deutschland per Kaiserschnitt auf die Welt. In einer 35 Jahre dauernden Langzeitstudie in Dänemark wurde belegt, dass Kaiserschnittkinder eine schlechtere Gesundheit haben können. So erleiden 20 % mehr, verglichen mit auf natürlichem Wege geborenen Kindern, eine Darmerkrankung wie Morbus Crohn, 11 % mehr der Skalpell-Kinder erkranken an Leukämie und 46 % der Kinder haben Immundefekte. Diese äußern sich beispielsweise wieder in Asthma oder eben in Allergien.

So ist etwa die Wahrscheinlichkeit einer Hausstaubmilben- oder Tierhaarallergie bei Kaiserschnittbabys 5 x höher. Grund ist: Durch die natürliche Geburt kommen die Säuglinge mit der Bakterienflora im Geburtskanal in Kontakt. Diese sorgt dafür, dass die Kinder eine gesunde Immunabwehr aufbauen. Noch Wochen nach der Geburt gleicht die Darmflora und die Mundschleimhaut der Vaginalflora der Mutter. Die Basis für ein später gut entwickeltes Immunsystem.

Heute versucht man dieser Tatsache mit dem „vaginal seeding“ bei Kaiserschnitten Rechnung zu tragen. Hierzu wird mit einem Tupfer Scheidensekret der Mutter auf das Neugeborene aufgetragen. Ob diese Methode tatsächlich Kontakt und Aufnahme bei der natürlichen Geburt ersetzen kann ist noch nicht eindeutig geklärt.

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