Von Bauern, Bio & bewussterem Konsum

Bauern, Landwirtschaft, Bio und bewußter Konsum

Von wegen Idyll auf dem Land. Landwirtschaft ist schon längst eine High-Tech-Produktion, die das Maximum aus Acker und Stall herausholen soll. Mitverantwortlich: Auch der Konsument. Foto: © Dusan Kostic – Fotolia.com

Früher war ein Label für Bio-Produkte gar nicht nötig, denn die Bauern haben ganz natürlich gewirtschaftet. Heute sieht das anders aus, auch weil der Ertrag auf dem Acker und im Stall stetig gesteigert werden muss. Hauptsächlich, um gerade kostendeckend zu wirtschaften. Doch da scheint jetzt ein Ende erreicht und mehr und mehr Bauern hängen ihren Job an den Nagel. Einblicke, Ausblicke und warum Der Bauer nicht immer der Buhmann ist, sondern auch der Konsument.

1975 gab es noch über 900.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland, 2017 waren es derer noch 267.800. Noch eklatanter sieht es aus, wenn man weiter zurückblickt. Rheinland-Pfalz, ein Bundesland, das für seine Gemüseproduktion bekannt ist, hatte 1949 noch 211.000 Betriebe. Heute sind es nur noch rund 17.100. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche blieb mit mehr als der Hälfte der deutschen Landesfläche dagegen in den letzten Jahrzehnten etwa gleich.

Der Bauer und der Benz

Jeder Bauer fährt einen dicken Benz war ein Spruch, der sich über Jahrzehnte hielt. Bauern verdienten und verdienen gut. So die landläufige Meinung. Tatsächlich müssen sie hart um ihre Existenz kämpfen. Im Wirtschaftsjahr 2016/2017 haben die Haupterwerbsbetriebe – 45 %, dagegen sind 55 % Nebenerwerbsbauern – einen Gewinn von 31.000 – 61.000 erzielt. So viel, wie ein kleiner Handwerksbetrieb erwirtschaftet, der noch dazu bessere und ganz andere Arbeitszeiten bietet.

Gewinne der Bauern sind relativ

Bauern, Landwirtschaft und ein bewußter Konsum

Obst und Gemüse ist praktisch das ganze Jahr erhältlich. Wann was Saison hat ist kaum einem Konsument bekannt. Oder egal. Viel entscheidender ist oft der Preis. Und der kann nicht billig genug sein. Wie und wo das Nachrungsmittel produziert wird, ist den meisten Verbrauchern egal. Foto: © BillionPhotos.com – Fotolia.com

Doch steuerlich gesehene Gewinne sind nicht gleichzusetzen mit jeder Menge Geld auf dem Konto, denn in der Landwirtschaft muss stetig investiert werden. Das fordert der Kostendruck und damit nötige Optimierungen, um aus Viehhaltung und Ackerbau mehr rauszuholen. Mehr, da stetig  sinkende Preise kompensiert werden müssen. Insgesamt haben 1/3 aller Betriebe nicht die nötigen Gewinne eingefahren, 10 Prozent aller Landwirte haben sogar Verluste im vergangenen Geschäftsjahr verbucht.

Besonders trifft es die Ackerbaubetriebe, also jene, die unser Obst-, Gemüse oder Getreide produzieren. Hat man in Nordrhein-Westfalen mit dieser Profession noch drei Prozent Miese gemacht, sind es in Schleswig-Holstein 40 Prozent. En gros verzeichneten die Haupterwerbsbetriebe zwischen 2014 und 2017 einen Umsatzrückgang von 35 Prozent, so die Berliner Zeitung.

Laut Deutschem Bauernverband sei man heute am Ende der Optimierungsmöglichkeiten angelangt. Nichts geht mehr bei Turbo-Sau oder –Kuh und vom Acker fährt man auch nicht mehr ein. In einem Bericht der Rheinpfalz sagt der Bauer Uwe Bißbort, dass „zurzeit haben wir eine Phase, in der der Ackerbau praktisch keine Gewinne abwirft.“ Und weiter meint er „wir leben von den Prämien, die uns der Staat zahlt“. Diese beläuft sich auf 300 Euro pro Hektar, die der Staat jährlich als Subvention zahlt.

Groß-, Einzelhandel und der Bauer

Die Subventionen der Landwirtschaft sind nötig, da keine vernünftigen Preise erzielt werden. Während die Dumping-Milchpreise der jüngsten Vergangenheit vielleicht noch jedem bekannt sind, sind andere Lebensmittelproduktionsbereiche nicht viel besser dran. Genauso schlecht sieht es bei den Preisen etwa für Raps oder Weizen, bei praktisch allen Gemüsesortenwie auch mit dem Preisdumping bei Tieren und Fleischprodukten aus. Nach der Liberalisierung des Zuckermarktes durch die EU fällt auch das einzige was lukrativ im Anbau war, die Zuckerrübe, als Stabilitätsanker weg.

Ein paar Beispiele. So züchtet Bauer Bißbort Ferkel, die er weiter verkauft an Mastbetriebe. Hier erzielt er für ein 30-Kilo-Ferkel 60 Euro, manchmal sogar nur 45 Euro. Und 80 Euro wären nötig für ein ausreichendes Einkommen. Gleiches gilt für Weizen, für die er für die Tonne 160 Euro erzielt (Marktpreis 26. KW: 158,03 – 160,81 €/to; deutschlandweit gültig) , wobei 220 Euro nötig wären. Mehr gibt aber der Markt nicht her.

Subventionen auf einem Markt, der auch von Einzelhandelsketten bestimmt wird. Etwa 85 Prozent der Ackerbaubtriebe verkaufen ihre Waren an die großen Lebensmittelketten wie Aldi, Edeka, Rewe oder Lidl. Hier gibt es keinerlei Handlungsspielraum und das Motto „Geiz ist geil“ ist beim Einkäufer wie später beim Konsumenten Programm. Kein Wunder, dass seit 2010 30.000 landwirtschaftliche Betriebe schlossen.

Und da war das nochmal mit der Milch. Viele Konsumenten sagten sich, dass sie lieber teurere Milch kaufen wollen, da die Milchviehhalter oftmals ihre Milch unter dem Produktionspreis an Molkereien abgeben mussten. Laut agrarheute bekamen Milchbauern im Mai 35,6 – 36,9 Cent pro Liter, in der Spitze. Die größte Molkerei Deutschlands, DMK, zahlte im Mai indes nur 31,8 Cent. Und dies bei Produktionskosten von 30 Cent.

Regionalität und gute Lebensmittel, oder da haben wir den (Kartoffel-)Salat

Die am Rhein gelegene Region Vorderpfalz ist das größte Kartoffelanbaugebiet Deutschlands. Auf rund 4.000 Hektar werden etwa 100.000 Tonnen Frühkartoffeln geerntet. Das, worauf sich der Konsument im Frühsommer so freut.

Kartoffeln kommen bei den Einzelhandelsunternehmen, die so vehement mit Regionalität werben, aktuell aber weniger aus der Pfalz. Vielmehr setzen die Unternehmen auf spanische oder gar ägyptische Kartoffeln. Die Pfälzer Bauern bleiben ganz aktuell auf ihrer frisch geernteten Ware sitzen. Dies wird mit der witterungsbedingt  schlechten und späten Ernte im letzten Jahr begründet, wodurch der Handel für dieses Jahr rechtzeitig Verträge mit ausländischen Produzenten abgeschlossen hatte.

Mal abgesehen von der gar nicht so regionalen Herkunft, das CO2, dass für die Transporte in die Luft geblasen wird – ein Kilo ägyptische Kartoffeln benötigt zum Wachsen 429 Liter Wasser. Wasser, das in dem Wüstenstaat knapp ist. Nicht viel besser sieht es im heißen Spanien aus. In der Pfalz dagegen wird die Grumbeere wie sie im regionalen Dialekt genannt wird, mit 9 – 11 Litern pro Kilogramm angebaut.

Bauern, der Konsument, gute Lebensmittel & die Umwelt: Die Suche nach dem Buhmann

Lebensmittelmüll finden viele Menschen schlimm. Doch kaum jemanden interessiert es, dass gerne auch mal 50 % der Lebensmittel erst gar nicht vom Bauernhof herunterkommen

Lebensmittelmüll finden viele Menschen schlimm. Doch kaum jemanden interessiert es, dass gerne auch mal 50 % der Lebensmittel erst gar nicht vom Bauernhof herunterkommen. Weil im Supermarkt das Gemüse 1 a aussehen muss, landet vieles auf dem Müll oder wird auf dem Acker untergezackert. Alle Apfel-, Bananen- oder Gemüsesortier an der Gemüsetheke tragen dies ein Stückweit mit. Foto: © TheStockCube – Fotolia.com

Sie spritzen Unmengen an Glyphosat, was der Artenvielfalt und insgesamt der Umwelt schadet, betreiben Monokulturen, pferchen die arme Sau in viel zu enge Ställe ein. Fakten, die sehr wohl da sind. Fakt ist aber auch, dass Otto Normal stets auf der Suche nach dem billigsten Schnäppchen für seinen Einkaufsmarkt ist. „Ich nicht, aber die anderen“! Wie oft hört man das, aber all die Parkplätze der Discounter sind brechend voll, eben jene Parkplätze der Konzerne, die den dem Bauer mit ihrem Preisdiktat das Leben schwer machen und bei dem der erntefrische Salt bitte nur 29 Cent und das Schnitzel der Turbosau oder das in zweifelhafter Marinade schwimmende Schwenksteak heute als besonders günstig für drei Euro dreiunddreißig gepriesen wird. Greifen wir doch zu!

Wenn man dann noch bedenkt, dass der penible Einkäufer für den Supermarkt, den noch penibleren Kunden im Sinn hat, der jeden Salat 3 x in der Hand hat oder jeden Pfirsich und Apfel 2 x antascht, um sich doch für den daneben, den schöneren zu entscheiden, dann verwundert es nicht, dass gerne mal 50 Prozent der Ernte erst gar nicht im Handel landet. Und bereits vor dem tristen Dasein in der kritisch beäugten Auslage zu Lebensmittelmüll degradiert wird.

Spritzwahn, Biolandwirte und seelenlose Gärten

Weil die ja so viel spritzen… Der Bauer greift schnell zum Spritzmittel, nicht nur zu dem als bienengefährlich eingestuften Glyphosat. Es werden sogar auf Weizenfelder Herbizide gespritzt, um die Pflanzen kurz vor der Ernte abzutöten. Wäre besser für die Ernte. Und der Apfelbauer spritzt nur bei Bedarf. Bis zu 30 x in einem Jahr. So gar nicht gut, das sagt man jetzt auch in Sachen Artenvielfalt, Vogel- und Bienensterben. Sogar in Sachen Gesundheit des Verbrauchers.

Dagegen kündigt eben die neue Landwirtschaftsministerin Julia Glöckner an, dass der Etat für den Umstieg auf Biolandwirtschaft von derzeit 20 Millionen auf 30 Millionen aufgestockt wird. Zudem hat sie verkündet, dass der Anteil von Biobauern von 7,9 auf erfreuliche 8,2 Prozent angestiegen sei. In Zahlen: 29.000 Höfe würden jetzt „Bio“ produzieren. Ob das ausreicht? Also die Zahl der Biobauern in Deutschland, als auch die Anreize dafür, umzusteigen? Man mag es bezweifeln und den Handel wie den Konsumenten scheint es auch nicht wirklich zu interessieren. Die Auswahl im Supermarkt stimmt ja schließlich. Ob heimisch oder aus dem fernen Ausland.

Das mit dem Spritzen macht den Bauern sogar zu Deutschlands Buhmann bei Millionen von Konsumenten. Vielleicht zu Recht, auch und sogar für jene, die wöchentlich den Schnäppchen im Supermarkt nachjagen und denen die Herkunft der Lebensmittel meist völlig egal ist. Die Jahreszeit zu der er nach den Tomaten, Zucchini oder Erdbeeren greift meist auch. Aber mehr denn je gilt: „Du bist was du isst.“ Würde es mehr interessieren, dann wäre die Landwirtschaft vielleicht auch (wieder) eine andere. Und vielleicht sogar die Geschäftslandschaft mit dem familiengeführten Bäcker, Metzger oder Gemüseladen um die Ecke, Läden, die es heute kaum noch gibt, doch wo die Besitzer einst garantiert mehr auf die Qualität der Produkte in der Auslage achteten.

Oder bei der Schar der 17 Millionen Gartenbesitzer, die  vermehrt Schotter in den Vorgarten leeren, ihren gepflegten Rollrasen mit der Chemiekeule makellos halten, Gärten, in denen die Entscheidung zwischen Blumen- und Gemüsebeet und Loungemöbel, Hüpfburg und Swimming-Pool nur allzu leicht fällt. Leider gegen die Blümchen, die so mancher genauso Biene helfen würden, wie heimische Gehölze den Vögeln, anstatt Thuja und Kirschlorbeer. Und auch gegen das Gemüsebeet, obwohl es doch knackfrisches, gesundes Gemüse aus eigenem Anbau liefern würde.

Und viel besser sehen die fast 58 Millionen Balkone und Terrassen meist auch nicht aus. Davon spricht nur fast keiner, für die Artenvielfalt wäre es aber auch mal ganz gut.

Es ist einfach, den Buhmann im Landwirt ausfindig zu machen. Spätestens wenn die vielen Familienbetriebe keinen Nachfolger mehr finden und das Land an einen Großgrundbesitzer – dieser Trend in Deutschland ist deutlich –, dann gibt es keinen kleinen Bauern mehr, dem man alles in die Schuhe schieben kann.

Es ist übrigens Fakt, dass Deutschland aus dem Ausland mit B-Ware in Sachen Lebensmittel beliefert wird. Kein Wunder, es soll ja immer hübsch billig sein. Aber das liegt nicht einmal am heimischen Bauern.

Quellen: agrarheute.com, proplanta.de, bauernverband.de, bke-verein.de, Bundeslandwirtschaftministerium

 

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