Die neuen Pflegestufen oder -Grade: Ein Überblick und was sie bringen

Die 5 neuen Pflegestufen

Was bringen die 5 neuen Pflegestufen, was ändert sich und wie werden diese überhaupt vergeben? EIn Überblich und was jeder darüber wissen sollte. Foto Foto: © contrastwerkstatt – Fotolia.com

Jeder 2. Deutsche benötigt irgendwann im Alter Hilfe und wird pflegebedürftig. Um den Bedürfnissen von Pflegebedürftigen besser gerecht zu werden, wurde zum 1.1.2017 das Pflegegesetz geändert. Anstatt der bis dato 3 Pflegestufen gibt es nun 5 Pflegegrade.

Pflegebedürftig ist, wer körperliche, geistige und seelische Beeinträchtigungen hat und somit den Alltag mehr oder minder schlecht alleine bewältigen kann. Bis Ende 2015 waren immerhin mehr als 2,8 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Ein Viertel etwa wurden stationär versorgt, der überwiegende Anteil ambulant. Und hierbei gibt es heute mehr als 5 Millionen Angehörige, die bei dieser Pflege einen erheblichen Beitrag leisten. Alle Daten und Fakten zur Pflege gibt es beim Bundesministerium für Gesundheit.

Um einen Menschen und seine Pflegebedürftigkeit einzustufen und ihn damit zum Leistungsbezieher der sozialen Pflegeversicherung (die Pflichtversicherung für alle) oder einer privaten Pflegeversicherung zu machen, kommt ein Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, kurz MDK, ins Haus, der anhand von sechs wichtigen Kategorien mit 64 Unterpunkten einschätzt, inwieweit und zu welchem Grad eine Pflegebedürftigkeit vorliegt.

Hierbei werden die wichtigsten Bereiche beurteilt, die ein unabhängiges Leben ermöglichen. Oder eben einschränken. Die folgenden Ausführungen gelten für die ab Januar 2017 geltenden, neuen Pflegestufen. Wurde vorher von 3 Pflegestufen gesprochen, so werden ab diesem Jahr und nach veränderten Bewertungskriterien Patienten in 5 Pflegegrade eingestuft.

Einstufung in eine Pflegestufe: Diese Punkte werden vom Gutachter betrachtet

Für Außenstehende ist es ganz schön kompliziert, einzuschätzen, wie ein Gutachter das Gegenüber einschätzt und an welchen Kriterien. Insgesamt 6 Hauptpunkte werden zur Einschätzung der Pflegebedürftigkeit genau unter die Lupe genommen, die letztlich dazu dienen, einen Menschen in eine Pflegestufe zwischen 1 und 5 einzustufen. Und diese Hauptpunkte haben bis zu 16 Unterpunkte, die der Gutachter beurteilt. Eine der Neuerungen in Sachen neuer Pflegestufen: Erkrankungen wie Alzheimer oder Demenz sollen hier stärkere Berücksichtigung finden.

Die Hauptpunkte, um in eine der Pflegestufen einzuordnen sind:

  1. Mobilität
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
  4. Selbstversorgung
  5. Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen
  6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

Einordnung in eine der neuen Pflegestufen: Beispiel Mobilität

Wie dann die einzelnen Bereiche „untersucht“ werden – meist mittels Abfrage des Patienten und der Angehörigen – zeigt das Beispiel „Mobilität“. Diese wird in insgesamt 5 Kategorien unterteilt und mit den Punkten „selbstständig“, „überwiegend selbstständig“, „überwiegend unselbstständig“ und „unselbstständig“ eingestuft.

Die hierbei relevanten Unterpunkte sind:

Zunächst ist der Positionswechsel im Bett ein Kriterium, wobei hier bereits Hilfsmittel einkalkuliert sind. Als selbstständig gilt hier, wer keinerlei Hilfe von außen benötigt. Ein Hilfsmittel oder die Hand reichen gilt als überwiegend selbstständig. Dagegen als überwiegend unselbstständig wird eingestuft, wer sich noch allenfalls auf den Rücken drehen kann oder die Arme gerade noch auf dem Oberkörper zur Positionsänderung Anderer verschränken kann. Unselbstständig schließlich ist, wer hier überhaupt nicht mithelfen kann.

Ähnlich beurteilt werden: Halten einer stabilen Sitzposition auf dem Bett, Stuhl oder in einem Sessel. Beispiel: Hier gilt ein Patient als noch überwiegend selbstständig, wenn er es auch nur noch schafft, während einer Mahlzeit sicher zu sitzen oder während des Waschvorgangs.

Punkt 3 ist: Das Umsetzen. Wer gut alleine von einem Stuhl, Sessel oder der Toilette runterkommt gilt als selbstständig. Hierzu eine Hilfe wie das Hand- oder Armreichen einer 2. Person benötigen, das ist für die Einstufung in eine Pflegestufe als noch überwiegend selbstständig eingestuft.

Punkt 4 in der Mobilitätsbeurteilung gilt dem Fortbewegen in den eigenen 4 Wänden. Als absolut selbstständig gilt, wer in der Wohnung von A nach B kommt. Selbst, wenn hierzu ein Entlanghangeln an Möbeln, ein Stock oder Rollator bereits nötig ist. Unterhaken, Stützen, Hilfsmittel reichen gilt hier als noch überwiegend selbstständig.

Und schließlich wird in dieser Kategorie das Treppensteigen beurteilt. Aufrecht und ohne Hilfe die Treppe hochkommen ist selbstständig, überwiegend selbstständig ist noch, wer aufgrund eines Sturzrisikos ständig hierbei eine Hilfsperson dabei hat.

Einordnung in eine der Pflegestufen: Die weiteren Module

Beim vorherigen Bewertungssystem der Einordnung in eine der Pflegestufen war die Selbstversorgung noch der Kernbereich für die Beurteilung. Fachleute nennen dieses Modul die Grundpflege und beurteilt wird hier in wie weit selbstständig das Waschen beziehungsweise die Körperpflege funktioniert, das Essen und Trinken, der Toilettengang und das An- und Auskleiden. Die Kontinenz und künstliche Ernährung spielen hier ebenfalls eine Rolle.

Im Modul kognitive und kommunikative Fähigkeiten wird beurteilt, wieweit der Patient zeitlich und örtlich zurechtfindet und wieweit hier Hilfe nötig ist. Zudem wird hier eingeschätzt, wie eigene Entscheidungen getroffen und Gespräche geführt werden.

Das Modul „Verhaltensweise und psychische Problemlagen“ wird eingestuft, wie häufig Hilfe aufgrund von psychischen Problemen nötig ist. Aggressives oder ängstliches Verhalten können hier mehr oder weniger häufig vorkommen und werden entsprechend eingestuft. Atteste oder ärztliche Nachweise könnten hier für das Gespräch mit dem MDK hilfreich sein.

Im sperrig klingenden Modul „Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen“ wird eingeschätzt, wie aufwändig der die Umsetzung von arztbezogenen oder ärztlich verordnete Maßnahmen ist. Beispielsweise wie viel Hilfe bei der Medikamenteneinnahme, Sauerstoffversorgung, Absaugung, Hilfe beim Anziehen von Kompressionsstrümpfen oder für Arzt- und Therapeutenbesuche und Einhaltung einer Diät ist.

Schließlich wird beurteilt, inwiefern der Patient die Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte selbstständig übernehmen kann. Ausführlich werden die einzelnen Module des Pflegegutachtens in einer Broschüre zum Download von der Verbraucherzentrale beschrieben. Tipps inklusive zur Antragstellung einer Pflegstufe und zur Bewilligung inklusive. Das 152-seitige Werk gibt es für 9,90 € auf der Seite der Verbraucherzentrale.

 

Der Pflegegrad und die Leistungen der Pflegestufen

Nach der Punkteauswertung der einzelnen Aspekte – für die komplette Selbstständigkeit bekommt der Patient beispielsweise 0 Punkte im einzelnen Kriterienbereich, bei voller Unselbstständigkeit derer 3 – und der Gewichtung der einzelnen Module (Mobilität zählt zu 10 %, die anderen Module mit 15 – 20 % und Selbstversorgung am meisten mit 40 %) wird in eine der folgenden Pflegestufen eingeordnet:

  • Pflegegrad 1 heißt: Es gibt eine geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit (12,5 – unter 27 Punkte nötig, Entlastungsleistung bis 125 Euro, Pflegegeld gibt es bei Pflegegrad 1 noch nicht; zusätzlich nochmals 125 Euro bei Heimpflege). Eine Pflege ist hier selten nötig, Hilfe im Haushalt oder bei der Körperpflege allerdings schon.
  • Pflegegrad 2 stellt erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit fest (27 – unter 47,5 Punkte, ab 316 € Pflegegeld – 770 € bei vollstationärer Pflege),
  • Pflegegrad 3 erhält wer ein schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit besitzt (ab 47,5 – 70 Punkte, 545 € – 1262 €),
  • Pflegegrad 4 gibt es, wenn schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit vorhanden sind (70 – unter 90 Punkte, 718 € – 1775 €), und
  • Pflegegrad 5 erreicht, wer schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit gleichzeitig besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung aufweist (90 – 100 Punkte, 901 € – 2005 €).

Die Entlastungsleistung von 125 € für pflegende Angehörige gibt es bei den neuen Pflegestufen immer, zudem werden ab Pflegegrad 2 Sachleistungen von 689 € bis 1.995 € gezahlt.

Tipp vor dem Besuch des MDK & Kritik

Der Medizinische Dienst kündigt seinen Termin stets schriftlich an. Hier ist es besonders hilfreich, im Vorhinein ein paar Tage den tatsächlichen Pflegeaufwand zu notieren. Auch Besonderheiten, Vorkommnisse oder Maßnahmen, die nicht täglich vorkommen oder anfallen sollte man sich notieren. Denn schnell vergisst man hier etwas oder neigt zum eigenen Nachteil zum Verharmlosen.

Was viele nicht wissen: Die Pflegekassen zahlen die obigen Beträge bei vollstationärer Pflege lediglich für die Pflegekosten. Übersteigen diese die bewilligten Höchstgrenzen, dann muss der Patient die Mehrkosten selbst zahlen wie die Verbraucherzentrale vorrechnet. Genauso wie die Unterbringung und die Verköstigung. Und muss das Altenheim renoviert werden, dann wird der Patient auch hier zur Kasse gebeten.

Allenfalls eine private Pflegezusatzversicherung kommt für die Mehrkosten auf. Der Haken: Am besten sollte man noch ganz jung sein, wenn diese abgeschlossen wird. Denn je älter der Versicherungsnehmer ist, desto teurer werden die Beiträge zur privaten Pflegeversicherung und die Ausschlusskriterien oder Aufschläge für Vorerkrankungen sind teils immens.

Im Falle einer unfallbedingten Pflege ist eine spezielle Unfallversicherung des Royal Versicherungsdienste sinnvoll. Diese Unfallversicherung kann selbst im Alter 50+ problemlos abgeschlossen werden.

Tipps zum Antrag einer Pflegestufe, der Bewilligung und eventueller Einspruch

Wen man das ganze Prozedere der Beantragung einer Pflegestufe mal mitgemacht hat, weiß, wie kompliziert das Ganze sein kann. Zwar noch auf die alten Pflegestufen bezogen, so erklärt folgender Beitrag, was es in der Praxis zu beachten gilt.

Übrigens: Man muss eine Einstufung in eine Pflegestufe nicht einfach so hinnehmen. Nicht, dass die Mitarbeiter des MDK absichtlich einen zu niedrigen Pflegegrad bewilligen, doch es kann durchaus sein, dass der tatsächliche Bedarf an Pflege höher ist, als der bewilligte. Dann heißt es Einspruch gegen die bewilligte Pflegestufe einzulegen. Hierzu sollte man sich genauso trauen, wie sie überhaupt zu beantragen. Gerade ältere Menschen wollen dies oftmals nämlich nicht. Das weiß ich aus Erfahrung und Erzählungen anderer.

Übrigens: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt kontinuierlich. Waren es 2002 noch knapp 1,9 Millionen Menschen in Deutschland, so sind es 2015 bereits die genannten 2,8 Millionen. Ob die Reform der Pflegestufen wirklich was bringt? Die Leistungen scheinen jedenfalls bereits heute oftmals zu niedrig zu sein. Private Zuzahlungen der Patienten und/oder der Angehörigen werden sich in Zukunft häufen.

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