Energiepreise: Preishammer bei Nebenkosten kommt erst noch

 

Heizkosten und Nebenkosten werden weiter steigen 2023 drohen Nachzahlungen

Energiepreise: Laut Experten droht praktisch allen Verbrauchern 2023 eine heftige Nachzahlung, dank stark gestiegener Öl- und Gaspreise, aber auch aufgrund gestiegener Strompreise. Foto: Pixabay.com/geralt

Je nachdem bei welchen Gasanbietern man war oder wann Öl für die Heizung im Jahre 2020 eingekauft wurde, sind bereits in der Nebenkosten-Abrechnung für 2021 die Kosten explodiert. Nachzahlungen waren oder sind das Ergebnis. Ähnliches gilt für die Strompreise. Das wird im Jahr 2023 sehr wahrscheinlich alles noch viel mehr. Hintergründe und Maßnahmen, Sinnhaftigkeit des Entlastungspakets.

Öl und Gas: Preisanstiege bereits seit 2020

Viele Mieter und Mieterinnen hatten bereits für 2021 deutliche Nachzahlungen in ihrer Nebenkostenabrechnung stehen, da die Energiepreise, sprich, Öl- und Gaspreise, 2021 kräftig in die Höhe gingen. Kunden, die Öl oder Gas direkt beziehen, ging es meist nicht anders. Aber, woran lag das?

Beim Rohöl war der Auslöser schlicht und ergreifend, dass sich die Organisation der Erdölexportierenden Länder (OPEC) im Jahre 2021 nicht untereinander über eine Erhöhung der Fördermenge einigen konnten. Die Preis-Rallye in Sachen Öl war und ist somit weiter politisch bedingt, so ein Experte gegenüber dem Schweizer Fernsehsender SRF. An Öl selbst mangelte es global gesehen nicht. Wohlgemerkt: Bereits 2021.

Leichter stiegen in 2021 zunächst die Gaspreise. Dies hatte mehrere Gründe. So stiegen die Netzentgelte, die sogenannte CO2-Steuer schlug mit durchschnittlich 100 Euro pro Haushalt zu Buche und die Großhandelspreise stiegen moderat. Doch dann hatten sich die Gaspreise bis zum Herbst im Vorjahresvergleich verdreifacht. Leere Läger durch den kalten Winter 2020/2021 und weltweit gleichzeitig anziehendes Wirtschaftswachstum nach Corona-Lockerungen, was zu plötzlicher Rohstoff- und Energienachfrage führte. Hinzu kamen zu kurzfristige Kaufverträge, was Gasanbieter dazu zwang, auf dem teuren Spot-Markt nachzukaufen, was sogar zu Insolvenzen auf dem Gasanbietermarkt führte. Der vielzitierte Putin und der Ukrainekrieg hatten mit den Anstiegen in Sachen Energiepreise bis Januar 2022 nichts zu tun.

Derivatehandel der eigentliche Preistreiber

Derivatehandel beeinflusst Energiepreise, vornehmlich den Ölpreis und den Gaspreis

Der Derivatehandel beeinflusst Energiepreise, vornehmlich den Ölpreis und den Gaspreis. Auf dem Bild ist zwar die Entwicklung des Dax aufgezeigt, aber auch hier sieht man: Über Wochen (oben rechts) uns selbst an einem Tag (rechts unten) ist jede Menge Bewegung im Handel. Bei Öl und Gas noch weitaus mehr. Foto: Pixabay.com/PIX1861

Der Handel mit „echtem“ Öl oder Gas geschieht am Spot- oder, meist günstiger, am Terminmarkt. Spekuliert auf diese Preisentwicklung wird mit einer Wette auf steigende oder sinkende Preise am Derivatemarkt. Und dieser soll der eigentliche Preistreiber sein. Kurz erklärt:

  • Spot- oder Terminmärkte: Am Spotmarkt wird sofort zum tagesaktuellen Preis Öl oder Gas gekauft. Dagegen auf Termin gekauft, legen die beiden Handelspartner einen für die Zukunft geltenden Preis fest. Hat man hier in der Vergangenheit ausreichend lange Verträge geschlossen, dann bleibt auch bei aktuellen Preisanstiegen der Preis gleich. Paradoxerweise senken aktuell einige Anbieter am Markt, dank dem Wegfall der EEG-Umlage zum 1. Juli 2022, ab diesem Zeitpunkt ihre Endpreise für Kunden. Sie haben in der Vergangenheit gut eingekauft und beispielsweise Lieferverträge für ihre Endkunden bis 2023 geschlossen.
  • Öl und Gas sind hoch volatile Handelsprodukte, das heißt, dass ihre Preise sehr stark schwanken können. Das heißt nicht, dass Öl und Gas knapp sind und sich hierdurch der Preis ändert. An den Börsen hauptsächlich gesteuert werden die Energiepreise über den Handel mit Öl- oder Gasderivaten. Das sind hochvolatile (sehr risikoreiche) Anlagen, die über Preisspekulationen funktionieren. Denkt ein (Groß-)Anleger, dass der Preis steigen könnte, dann wettet er darauf mit einer sogenannten „Long-Position“. Entsprechend wird „short“ gehandelt, wenn ein sinkender Preis angenommen wird. Hier kann ein Anleger also selbst bei sinkenden Öl- oder Gaspreisen Gewinne erzielen. Im großen Stil wird hier durch automatischen Computerhandel schnell ein Preis künstlich in die Höhe getrieben. Wird mit sogenannten Hebeln „gewettet“, dann ist die mögliche Gewinnmarge um ein Vielfaches höher. Diese Wetten sind mitentscheidend für den aktuellen Preis für Öl und Gas und können ohne andere Einflüsse für Preissteigerungen sorgen. Unabhängig davon, was der Öl- oder Gasförderer festlegt.

Mit welcher Nachzahlung müssen Mieter rechnen?

Heizkosten werden weiter steigen

Dank steigender Energiepreise seit 2021 müssen Verbraucher mit Nachzahlungen für 2021 und 2022 rechnen. Foto: Pixabay.com/stevep

Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BEDW) stieg der Gaspreis für Haushalte in Mehrfamilienhäusern innerhalb eines Jahres um durchschnittlich über 100 Prozent an oder von 6,47 Cent/kWh auf im Schnitt 13,26 Cent/kWh (Stand: April 2022, lt. BDEW-Analyse ). Für Einfamilienhäuser sieht es ähnlich aus. Der Preis für Heizöl ist, Stand April 2022, sogar um 144 Prozent gestiegen, der Strompreis aus Jahressicht um 30 Prozent.

Rund die Hälfte der rund 43 Mio. Wohnungen in Deutschland werden mit Gas beheizt, rund 25 Prozent zudem mit Heizöl und etwa 14 Prozent aller Wohnungen sind mit Fernwärme versorgt, wofür Erdgas als wichtiger Brennstoff eine wichtige Rolle spielt. Somit sind bis zu 90 % aller Wohnungen und damit fast alle Mieterinnen und Mieter vom Öl- und Gaspreisanstieg betroffen. Vom Strompreisanstieg praktisch jeder.

Aufgrund dieser Preissteigerungen gehen laut Deutschem Mieterbund (DMB) einige Wohnungsunternehmen davon aus, dass ein Durchschnittshaushalt bis zu zwei Monatskaltmieten nachzahlen muss. Allerdings sei noch nicht klar, ob es wirklich so viel wird, da sich die Preise für Öl und Gas noch ändern könnten. Auch nicht mit eingerechnet ist die Höhe der Abschlagszahlungen.

Tipp: Die Stiftung Warentest bietet aktuell einen Nachzahlungsrechner für Heizkosten an, um zumindest abschätzen zu können, womit Sie rechnen müssen. Sie finden den Nachzahlungsrechner (Schätzung bei gleichbleibend hohen Preisen, inklusive Inflation von 7,3 %) unter diesem Link.

Was machen, Geld sparen oder höhere Vorauszahlungen?

Wer das Geld für eine zu erwartende Nachzahlung sparen kann, kann und sollte sich hier idealerweise etwas Geld zurücklegen, um dann bei der Jahresabrechnung „flüssig“ zu sein. Auch möglich: Mit Vermietern oder Energieanbietern höhere Abschlagszahlungen vereinbaren, um die zu erwartende Nachzahlung zu reduzieren. Allerdings: Wird es dann doch günstiger und wurde dem Vermieter zu viel überwiesen, so warnt der Deutsche Mieterbund vor möglichen Streitigkeiten über die Rückzahlung. Eine Rücklage erachten die Spezialisten als die bessere Wahl.

Und wenn ich die Mehrkosten nicht zahlen kann?

Ob beim Vermieter, der die Nebenkosten abrechnet. oder auch direkt beim Anbieter, mit dem Mieter und Eigenheimbesitzer einen direkten Vertrag haben – auf jeden Fall rechtzeitig melden und mögliche Zahlungsmodalitäten vereinbaren, sollte es aufgrund der zu erwartenden Nachzahlungen zu finanziellen Engpässen kommen. Zusätzlich sollte der örtliche Mieterverein eingeschaltet werden. Dieser gibt Tipps, etwa zu staatlichen Zuschüssen, sofern man beziehungsberechtigt ist.

Einen FAQ zur Heizkostenexplosion mit zahlreichen Tipps und Eventualitäten gibt der DMB hier.

Kann da das geplante Entlastungspaket gegensteuern?

Trotz des von Minister Habeck angekündigten Entlastungspaketes wegen gestiegener Energiepreise zahlt der Verbraucher jede Menge drauf bei den Heizkosten und den Stromkosten. Das Vergleichsportal Verivox hat sich die Kostensteigerungen und die Entlastungsmaßnahmen vorgenommen und gerechnet. Das Ergebnis: Bleiben die Kosten für Energie bis Ende des Jahres konstant – der Wegfall der EEG-Umlage im Juli ist bereits eingerechnet – dann steigen die Energiekosten für eine vierköpfige Musterfamilie um 2.408 Euro auf 6.269 Euro. Wohlgemerkt, nach den aktuellen Preisen, Dagegen beträgt die Entlastung für diese Familie 1.035 Euro für 2022. Also nicht einmal die Hälfte der erwartbaren Nachzahlung wird gedeckt.

Weitere Steigerungen der Energiepreise erwartet

Nachzahlungen dank gestiegener Energiepreise für meisten Verbraucher RealitätNachzahlungen dank gestiegener Energiepreise für meisten Verbraucher Realität

Wer seine Nebenkostenabrechnung für 2021 noch nicht erhalten hat, wird sehr wahrscheinlich nachzahlen müssen. Der richtige Preishammer kommt dann 2023. Foto: Pixabay.com/geralt

Energie-Experte Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW sagte gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) „Der Preis-Hammer kommt im nächsten Jahr auf die Verbraucher zu“. Und weiter warnt er, dass es erste Hinweise auf Strompreiserhöhungen im Juli oder August gebe – also im Monat vor beziehungsweise nach Abschaffung der EEG-Umlage. Die Verbraucherzentrale habe erste „Mondpreise“ bei Stromanbietern gesehen.

Wie es mit Öl und Gas weitergeht, das steht in den Sternen und wird wohl erst der Herbst zeigen, wenn der Bedarf wieder höher wird. Auch davon, ob die Bundesregierung für entsprechenden Ersatz für Öl und Gas aus Russland zu einem adäquaten Preis findet. Zumal die weitere Entwicklung der Energiepreise immer auch von den Spekulanten abhängt.

Schließlich hier noch effektive Tipps, zum Heizkosten sparen. Auch wenn der Sommer Verbraucher zunächst durchatmen lässt.

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