Zöliakie, Reizdarm & glutenfreie Lebensmittel: Warum Weizen nicht immer schuld ist

Der Hype um glutenfreien Lebensmitteln steigt und steigt und deren Absatz ist von 2015 auf 2016 um alleine 35 Prozent gestiegen. Warum? Weil viele Menschen sich die Selbstdiagnose Glutenunverträglichkeit und Zöliakie geben und denken, diese Lebensmittel seien viel gesünder. Doch, weit gefehlt. Sie können sogar schädlich sein. Glutenunverträglichkeit, Zahlen, Fakten, vom nervösen Reizdarm und vom guten alten Brot.

Zöliakie, Glutenunverträglichkeit, Reizdarm und glutenfreie Lebensmittel: Ein Überblick

Bitte glutenfrei! Das wünschen sich mehr und mehr Kunden, da sie auf das in Getreidesorten wie Weizen mehr oder minder heftig reagieren. Oder es zumindest denken. Wissenswertes zu Zöliakie, Reizdarm, Allergien und unbekömmlichem Industriebrot. Foto: © exclusive-design – Fotolia.com

Was ist Zöliakie und Glutenunverträglichkeit?

Zöliakie ist eine chronische Erkrankung des Dünndarms. Sie wird ausgelöst durch eine Unverträglichkeit des in vielen Getreidesorten enthaltenen Klebereiweißes Gluten. Und mit diesem Protein haben die menschlichen Verdauungsenzyme so ihre Probleme. Bei der oftmals auch erblich bedingten Erkrankung will das Immunsystem diesen unerwünschten Eindringling attackieren. Leider die Dünndarmwand gleich mit, was letztlich in einer chronischen Entzündung des Dünndarms endet. Seine Oberfläche verändert sich und wichtige Nährstoffe können irgendwann nicht mehr aufgenommen werden.

Heute ist die Diagnose durch den Facharzt einfach, jedoch nicht die Therapie. Auch sind noch lange nicht alle Zusammenhänge in Sachen Zöliakie erkannt. Zudem sind mannigfaltige Auswirkungen die Folge. Ständige Bauchschmerzen, Durchfälle, Blähungen, aber auch Müdigkeit, Kopfschmerzen oder gar Migräne –  paradoxerweise ohne Magen-Darm-Beschwerden – sind oftmals die Symptome.

Gluten ist in verschiedenen Getreidesorten enthalten. Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, aber auch alte Getreidesorten wie Emmer oder Einkorn enthalten das Eiweiß. Diese müssen von diagnostizierten Zöliakie-Patienten strickt gemieden werden. Brot, Pasta oder Pizza aus diesen Getreidesorten sind dann tabu.

Für die Erkrankung an Zöliakie gibt es zwei Häufigkeitsgipfel. Der erste liegt zwischen dem 1. und 8. Lebensjahr, der zweite zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Was das Erkennen und letztlich die Diagnose schwierig macht ist die Tatsache, dass lediglich etwa 10 – 20 Prozent der Betroffenen alle eindeutigen Symptomatiken aufweisen.

Die Zahlen Zöliakie-Kranker und die Selbstdiagnose

Die Zahlen derer, die an Glutenunverträglichkeit und Zöliakie in Deutschland leiden sind unterschiedlich. Die Wissensplattform Dr. Schär Institute gibt sie mit 0,2 Prozent der deutschen Bevölkerung an. Diese und Zahlen aus anderen Ländern seien durch die weltweite Forschung belegt. Frauen wären laut den Wissenschaftlern dabei doppelt so oft betroffen wie Männer.

Die Deutsche Gesellschaft für Zöliakie e. V. schätzt indes, dass etwa ein Prozent der Deutschen unter der chronischen Sensibilität auf den Klebereiweiß leidet.

So geringe Zahlen und ständig hört man davon? Das hat verschiedene Gründe und finden sich oft in der Selbstdiagnose. So gaben laut dem Allergieinformationsdienst des Helmholtzforschungszentrums München 13 Prozent der Deutschen an, an einer Weizen- oder Glutenunverträglichkeit zu leiden. Wohl meist, weil sie ab und zu oder regelmäßig Magen-Darm-Probleme haben.

Regelmäßige Bauchschmerzen oder generell Magen-Darm-Probleme wie Blähungen, Durchfall oder Verstopfung könnten allerdings an dem viel häufiger vorkommenden Reizdarm-Syndrom oder kurz Reizdarm liegen. Die hiermit verbundenen Beschwerden haben keinerlei direkte körperliche Ursachen und gehen eher auf Stress, Hektik oder Ärger im Alltag zurück und kann zudem sehr gut durch eine unausgewogene Ernährung ausgelöst sein.

Das Gehirn und der Darm sind bei Reizdarm-Geplagten quasi in einem steten Austausch, psychische Einflussfaktoren verstärken letztlich die Beschwerden. Während die Zöliakie tatsächlich diagnostiziert werden kann, ist jene eines Reizdarms eine Ausschlussdiagnose.

Doch Magen-Darm-Beschwerden können noch ganz andere Ursachen haben, jenseits der GLutenunverträglichkeit oder des schnell diagnostizierten Reizdarms. Zwei der Ursachen auf die untersucht wird sind eine Laktose-Intoleranz und eine Fruktose-Intoleranz. Gerade Letzteres ist nicht unwahrscheinlich, da die Industrie Fruktose gerne und vermehrt in verarbeitete Lebensmittel gibt, da es manch gewünschten Effekt erzielt.

Auch möglich: Anstatt Zöliakie können die Symptome auch von einer Nahrungsmittelallergie stammen. Diese wird beispielsweise durch Fisch, Erdnüssen, Soja, Hühnereiweiß und anderen Allergieauslösern stammen kann.

Doch für viele Menschen ist diese negativ behaftete Diagnose des Reizdarms mehr als unangenehm. Lieber hat man eine richtige Krankheit, die, so scheint es, so schlimm sie ist, lieber angenommen wird, als eine letztlich nervöse Störung. Doch bei Allergie oder Reizdarm zu glutenfreien Lebensmitteln zu greifen, also jene, die im Handel angeboten werden, das kann sprichwörtlich nach hinten losgehen.

Glutenfreie Lebensmittel boomen

Laut dem Allergieinformationsdienst gibt es heute bereits 35.000 glutenfreie Lebensmittel, die im Internet bestellen können. Auch gibt es keinen Supermarkt, der nicht glutenfreie Lebensmittel in seinen Regalen hat. Um 35 Prozent sei der Umsatz mit diesen Lebensmitteln von 2015 auf 2016 gestiegen.

Doch wer ohne Glutenunverträglichkeit bei solchen Lebensmitteln zugreift, kann mit zahlreichen Nebenwirkungen rechnen.

Glutenfreie Lebensmittel: Über Mangel und die Schädlichkeit

Viele Menschen – ob nun mit Reizdarm oder kerngesund – denken mittlerweile, dass Weizen ungesund ist und greifen lieber zu glutenfreien Lebensmitteln. Doch diesen werden für einen besseren Geschmack Fett und Zucker zugesetzt. Auch enthalten diese Lebensmittel oft wenig Ballaststoffe, weniger Vitamine und Mineralien. Mangelerscheinungen dank glutenfreier, nicht gerade billiger Lebensmittel und Gewichtsprobleme können die Folge sein.

Und mehr noch. So hat eine großangelegte US-Studie mit über 110.000 Männern und Frauen belegt – es wurde von 1986 – 2010 mehrmals mittels Fragebogen ausführlich nach den Ernährungsgewohnheiten gefragt –, dass in jener Gruppe, die sich eher glutenarm ernährt, signifikant mehr Menschen an Herzkrankheiten erkrankten und starben, als in jener, die sich eher glutenhaltig ernährte.

Das deutsche Kulturgut: Vom guten alten Brot

Forscher der Uni Hohenheim wollten es wissen. Das Brot in Deutschland wurde ja nicht umsonst zum Kulturerbe erklärt. Die Vielfalt der (alten) Brotsorten ist schließlich wirklich gigantisch und der Durchschnittsbürger vertilgt so etwa 80 Kilo davon im Jahr. Mancher sicher mehr.

Gerade Zöliakie-Patienten können mit Weizenbrot und Konsorten nichts anfangen. Auch Reizdarmpatienten und mehr und mehr eigentlich gesunde Menschen, die besonders auf ihren Bauch hören, verzichten gerne auf so ein Brot, da es ihnen mächtige Beschwerden bereitet.

Ausgenommen man hat wirklich ein Problem mit dem Gluten, so ist hier oftmals der Grund, dass in viele Getreidearten gewisse Zuckerstoffe enthalten sind, die unser Körper nicht verarbeiten kann. Da kann es wirklich schon mal Bauchschmerzen und unangenehme Blähungen geben. Daher setzten sie verstärkt auf Brote aus alten Getreidesorten wie Emmer oder Einkorn. Das wäre besser verträglich.

Dies ist jedoch nur die halbe Wahrheit, wie die Forscher herausfanden. Denn die Bekömmlichkeit des Brotes liegt an der Art des Backens, genauer, an der Teigführung. Industriell gefertigtes Brot, wie es leider heute auch viele vermeintlich gute Bäcker herstellen, muss ratzfatz fertig sein. Selten hat hier ein Teig mehr als eine Stunde Gehzeit.

Brot macht Bauchschmerzen oder „wir haben keine Zeit“

Und hier ist die Unverträglichkeit begründet, wie die Forschungsergebnisse ergaben. Denn ein lange gehender Teig, die Forscher ermittelten die Länge von 4,5 Stunden oder mehr, würde zum Wohlfühlbrot für all jene, die mit diesen Zuckern zu kämpfen haben. Und hier stand dem Weizen den gelobten alten Getreidesorten in Nichts nach. Die Brotteige enthielten nach viereinhalb Stunden lediglich noch 10 % der unverdaulichen Zuckerarten. Und dieses Brot ist für die meisten Menschen völlig unproblematisch, bereitet keinerlei Bauchschmerzen, wegen denen man an Reizdarm, Zöliakie oder sonst etwas denkt…

Fazit: Zöliakie wird, auch und gerade von der Industrie, gehypt, denn schließlich verdient sie mit ihren Spezialprodukten am besorgten Konsumenten. Und wer weiß an was für Zutaten es noch so alles liegen mag, außer an Laktose, Fruktose, Allergien oder dem lieblos gefertigten Brotleib aus der Fabrik oder dem Backautomaten, dass uns manche Speisen – wie auch viele Fertiggerichte oder verarbeitete Lebensmittel generell – auf den Magen schlagen und ein Teil der Bevölkerung am Reizdarm-Syndrom leidet.

Wer in Sachen Diagnose und GLutenunverträglichkeit unsicher ist, dem kann die Deutsche Zöliakie Gesellschaft mit Rat und Tat, auch auf der Suche nach einem anerkannten Facharzt, weiterhelfen.

Beim Brot jedenfalls sollte man ganz dem alten, neuen „Slow Baking“-Prinzip folgen. Ob jetzt vom Bäcker des Vertrauens, der noch sein Handwerk richtig durchführt oder aus eigener Fertigung. Hier ein wirklich einfaches Rezept zum Brotbacken. Und auch aus frischen Zutaten anstatt aus der Tüte kochen kann keinesfalls schaden, um so manchem Zwicken und Zwacken im Bauch vorzubeugen.

Übrigens: Sauerteigbrot gilt als eines der Bekömmlicheren im Handel. Kein Wunder, denn schließlich ist hier die Teigführung nur möglich, wenn der Teig auch richtig schön lange geht.

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