Status Quo und warum sich die Landwirtschaft ändern muss

Landwirtschaft muss sich wandeln. Von intensiver Landwirtschaft mit zu viel Pestiziden und Düngern, hin zum umweltfreundlichen Ackerbau

Es war einmal… Blühende Ackerrandstreifen, summende Bienen und zwitschernde Vögel in und um die Äcker. Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft muss sich das wieder ändern. Foto: pixabay.com/danigeza

Anfang Dezember 2019 waren Bauern zum Gespräch im Kanzleramt geladen, auch und gerade, weil die Branche gegen geplante Umweltauflagen protestiert. Hohe Treibhausgasemissionen, Nitrateintrag auf Feldern und schädliche Pflanzenschutzmittel – die Landwirtschaft steht in der Kritik. Ein Überblick und warum nicht nur sie sich, so wie sie heutzutage betrieben wird, ändern muss.

Aktuell hat sich die Deutsche Umwelthilfe (duh) die Dienstfahrzeuge der deutschen Politiker angeschaut und gerügt. Oft viel zu hoher Schadstoffausstoss. Gerne klagt sie auch gegen Städte und die schlechte Luft darin. Teils mit Erfolg. Überhaupt scheint der benzin- und dieselgetriebene Individualverkehr das größte Übel im Land zu sein, sieht man die Berichte darüber und deren Thematisierung durch politische Akteure.

Weniger wird darüber diskutiert, dass wir unseren Strom zu 70 Prozent aus Kohle gewinnen, dass 50 Prozent der Heizkessel in deutschen Kellern als überalterte Stinker gelten. Ebenfalls kaum Beachtung findet die konventionelle Landwirtschaft. Bis jetzt. Die deutschen Bauern sollen nun weniger düngen und Pestizide spritzen, heißt es Ende 2019 aus Berlin. Und die Bauern gehen auf die Barrikaden. Sie fahren, ganz umweltbewusst, mit Tausenden Traktoren zu Demo und Kanzleramtsgesprächen nach Berlin. Dabei ist die Bedeutung der Art wie Landwirtschaft betrieben wird, mehr denn je immens. Vielleicht ist sie eher ein Sektor, dass am dringlichsten angegangen werden muss. Denn eine Nahrungsknappheit droht. Aus verschiedenen Gründen.

Treibhausgase und Nitratbelastung

Weltweit sind es laut Weltagrarbericht 31 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen, die die Landwirtschaft ausstößt. Damit ist sie einer der größten Belastungsfaktoren für das Klima. In Deutschland selbst sind es immerhin noch knapp 8 Prozent des Gesamtausstosses an klimaschädlichen Gasen. Diese sind Kohlendioxid, Methan und Lachgas. Und diese entstehen beileibe nicht nur durch die viel zitierte Nutztierhaltung. Im Gegenteil, denn sie macht den geringsten Anteil aus.

  • Insgesamt ist die heimische Landwirtschaft, nach der Energiewirtschaft (38,7 %), verarbeitendes Gewerbe/Industrie (22,7 %) und Verkehr (20,8 %) die Nummer vier der stärksten Klimagas-Produzenten im Land.

Methan kommt vornehmlich von der Haltung von Rindern. Es ist allerdings beileibe nicht die vielzitierte Tiermast alleine, die in der Landwirtschaft Methan ausstößt. So wird Methan auch durch Kunstdünger ausgestoßen, das wiederum aus dem Acker zusätzlich Lachgas entstehen und ausströmen lässt. Vor allem, wenn zu viel gedüngt wird.

Laut Weltagrarbericht  stößt die Viehhaltung global 1.792 Millionen Tonnen Methan aus. Viel klimarelevanter ist allerdings der Lachgasausstoß mit 2.128 Millionen Tonnen durch die Düngung mit stickstoffreichem Kunstdünger. 5.900 Millionen Tommen Kohlendioxid kommen noch hinzu. Vornehmlich aus der Umwandlung von Grünland und Abholzungen.

  • Werden lange Transportwege, Kühlung, Verarbeitung – auch zuhause – und das Wegwerfen von global produzierten Lebensmitteln mit einkalkuliert, dann sind Landwirtschaft, geänderte Flächennutzung (Stichwort Waldrodung für Ackerbau und Viehzucht) und unsere Ernährung für 40 % der Klimabelastung zuständig.

Nitratbelastung im Grundwasser: Nicht nur Gülle

Zurück nach Deutschland. Im Rahmen der Gespräche im Kanzleramt Ende 2019, bei denen das Thema „weniger düngen“ auf Kritik vonseiten der Bauern stieß, ist ein wichtiges und richtiges. Schließlich wurden an insgesamt 28 Prozent der Grundwassermessstellen über landwirtschaftlich genutztem Land zu hohe Nitratbelastungen im Grundwasser nachgemessen wurden. Der Grund ist zum einen das Ausbringen von sogenanntem flüssigen Wirtschaftsdünger (Gülle, Jauche sowie Gärreste aus Biogasanlagen), den 150.000 der insgesamt 270.000 landwirtschaftliche Betriebe (=55 Prozent) einsetzen. (Quelle: Destatis)

Stickstoffdünger, ein Hauptübel der heutigen Landwirtschaft

Landwirtschaft Hitzesommer Bodenerosion und Artenvielfalt

Überdüngung, Pestizideinsatz und Monokulturen führen zu Bodenerosion und dadurch Unfruchtbarkeit. Foto: pixabay.com/Toma66

Auf der anderen Seite ist es das Ausbringen von Unmengen von stickstoffhaltigem Kunstdünger. Was der Acker und seine Frucht nicht verwertet, das wird nicht nur in Lachgas, sondern auch in Nitrat gewandelt und landet im Grund- wie Oberflächenwasser. Laut Umweltbundesamt gibt es derzeit einen, wenn auch leicht gesunkenen, Nitratüberschuss von 97 Kg pro Hektar Ackerland. So viel wird zu viel gedüngt. Das Zuviel hat seinen unrühmlichen Grund.

Das Umweltbundesamt erklärt diesen Umstand wie folgt: „Bestimmten Sonderkulturen (Gemüse wie Spargel, Brokkoli, Salat, etc.) wird noch kurz vor der Ernte Stickstoff zugeführt, der aber von der Pflanze nur noch in geringem Maße verwertet werden kann und somit zu großen Teilen zunächst im Boden verbleibt und dann in das Grundwasser gelangt. Dies gilt auch für den Anbau von Qualitätsweizen, bei dem häufig noch nach Abschluss des vegetativen Wachstums eine Stickstoffspätgabe zur Steigerung des Proteingehaltes gegeben wird.

Die Pflanzenverfügbarkeit dieser Stickstoffgabe ist jedoch stark von der Witterung abhängig und hat somit ein hohes Verlustpotential. Auch der Ausbau der Anbaubiomasse (Energiepflanzenanbau wie Mais und Raps) hat zu einer stickstoffintensiven Nutzung von zuvor teils brachliegenden Flächen und genau wie Grünlandumbruch zu erhöhten Nitrateinträgen geführt.“ Dass die Nitratbelastung des Grundwassers auch an Messstellen ohne Viehhaltung über den gesetzlich festgeschriebenen Grenzwerten liegt – kein Wunder also.

Und dies hat nicht nur Folgen für das Grundwasser. Auch in Gewässern wie Flüssen, Bächen oder Seen werden Nitrate und Mineraldünger nachgewiesen, was ein ganzes Ökosystem beeinflusst. Umstände, wegen denen die EU bereits seit Jahren mit sehr hohen Strafzahlungen droht. 850.000 Euro sollen dies sein, tritt der Fall ein. Pro Tag. Gelder, die letztlich der Steuerzahler zahlt. Geschehen muss hier aber sowieso etwas, denn spätestens ab 2027 fordert die EU-Wasserrahmenrichtlinie, dass das Grundwasser reiner wird.

Zumal das reine Ausbringen von Stickstoffdünger und ein Mangel an Kohlenstoff/Humus, in Verbindung mit der intensiven Bodenbearbeitung und den Monokulturen, das Ackerland auf Dauer unfruchtbar macht und Bodenerosion fördert.

Weltweit nur noch 60 x ernten

Ein weiterer Punkt kommt hinzu, der durch die oben genannten Ursachen, die übliche Art der Bodenbearbeitung und durch Monokulturen bedingt wird. Und der ist erschreckend. Laut den Agrarexperten der Vereinten Nationen soll es global auf bis dato ein Drittel aller weltweiten Anbauflächen lediglich noch 60 Ernten auf den Feldern geben, dann ist Schluss. Von „Boden-Burnout“ ist hier die Rede. Ausgebrannte Erde, die nur noch ernten durch Stickstoffdünger ermöglicht. Durch den großflächigen Anbau von Raps, Weizen, Mais und Co. finde eine ungeheure Bodenerosion statt, überall. Selbst in Deutschland sollen es durchschnittlich 20 Tonnen pro Hektar sein. 20 Tonnen Erdreich, die einfach verloren gehen, eben durch Monokulturen. Vom Winde verweht, vom Regen weggespült. Das Erdreich, das vielleicht noch etwas wertvollen Humus und damit das letzte Quäntchen Natürlichkeit enthält. Ohne – keine Chance noch etwas anzubauen.

Die Fachleute warnen davor, dass zum Ende des Jahrhunderts viele Menschen verhungern werden. Genauer wird die bedrohliche Lage im Video erklärt.

Braucht es noch mehr Gründe, um dringend was am System Landwirtschaft zu ändern? Ja, mindestens einen, Stichwort Artenvielfalt.

Artenvielfalt und Pestizide

Und dann ist da noch das Thema Artenvielfalt und Pestizide. Es wird zu viel gespritzt. Das schadet nachweislich der Artenvielfalt und damit nicht nur den bestäubenden, ach so nötigen Insekten. 8,8 Kilogramm aus einem großen Arsenal von Pestiziden sollen pro Hektar im Schnitt pro Saison ausgebracht werden. Und dies nicht immer nur zum Pflanzenschutz. Denn Getreide ist besser erntbar, wenn es vor der Ernte etwa mit Glyphosat, dem bekanntesten Pflanzenschutzmittel, eingesprüht und damit abgetötet wird. Eine gängige Praxis auf deutschen Äckern.

Überhaupt weicht der Durchschnittsverbrauch in der Realität bei zahlreichen Produkten ab. Laut Bundesamt für Lebensmittelsicherheit wurden 2017 beispielsweise auf 68 Prozent der im Handel angebotenen Trauben stets mehrere Pestizide nachgewiesen. Bis zu 35 verschiedene Arten von Giften.  Auch zahlreiche andere Obst- und Gemüsesorten sind mehrheitlich und ebenfalls mit mehreren Pestiziden belastet. So sind es bei Erdbeeren bis zu 14 verschiedene, bei Kirschen bis zu 15.

  • Laut Bioweinportal.de werden z. B. im Weinbau 20 Kg Pestizide pro Hektar und Jahr gespritzt. Demnach bekämen die Trauben so viel Giftstoffe ab, die der Menge eines Teelöffels je Flasche Wein entspricht.
  • Von der Blüte bis zur Ernte werden Äpfel im Schnitt 31 x mit Pestiziden gespritzt.
  • Grenzwerte werden in Untersuchungen dennoch eingehalten, weil diese für ein jeweiliges Mittel, nicht für die Gesamtbelastung gelten.
  • 12,1 Mio. Hektar ist die deutsche Ackerfläche groß.

Von Seiten der Bauernschaft heißt es nun, weniger Pflanzenschutz und Düngung würde für Ernterückgänge sorgen, damit ihre Existenz bedrohen und ihre Situation drastisch verschlechtern. Ein Umstand, der teilweise auch selbst herbeigeführt wird. Denn der starke Düngereinsatz, die schweren Gerätschaften und die Pflanzenschutzmittel sind für den Boden eine immense Belastung. Alleine für Glyphosat ist beispielsweise laut einer englischen Studie belegt, dass sein Einsatz 56 Prozent der Bodenlebewesen abtötet.

Und das Bodenleben, auch wenn wir es alle nicht direkt sehen, ist wichtig und essentiell für eine gute Ernte und einen gesunden Boden. Die massiven Auswirkungen der Monokulturen und dem Pestizideinsatz auf Flora und Fauna und damit weitere Verschlechterung der Gesamtsituation und Gesundheit unserer Kulturlandschaften nicht zu vergessen. Ertrag ohne massive Stickstoffdüngung aus einem leblosen Substrat auf dem Acker – geht das überhaupt? Ja, schließlich machen es die Biobauern vor. Und vergangene Generationen machten es auch anders, sozusagen im Einklang mit der Natur.

Pestizide und Hybridsaatgut von Monopolisten

Landwirtschaft und Monokulturen

Monokulturen, soweit das Auge reicht. In vielerlei Hinsicht schlecht. Pixabay.com/jplenio

Bei dem System der konventionellen Landwirtschaft ist man hier leider noch nicht am Ende mit den negativen Punkten. Denn der Saatgutmarkt wird von Saatgutgiganten dominiert. 80 Prozent aller auf der Welt ausgebrachten Samen sind von lediglich 10 Saatgutfirmen. Bayer (3 % des Marktes, 2018 mit Monsanto fusioniert, 27 %), Syngenta (9 %) und DuPont (17 %, 2017 mit dem Chemieriesen Dow, 2 %, fusioniert) sind die Top 3. Die heute standardmäßig eingesetzten Fungizide, Insektizide, Herbizide, usw. liefern sie meist gleich mit. Sie handeln mit ihrem Hybridsaatgut, das in der Regel genetisch optimiert ist, das 15 – 30 Prozent mehr Erträge einbringt, aber die Sortenvielfalt drastisch senkt. Heute schon gilt 75 Prozent der einstigen Obst- und Gemüsevielfalt als verloren. Selbstredend kann Hybridsaatgut von keinem Bauer wie anno dazumal selbst wieder nachgezüchtet werden kann. Er muss es jedes Jahr aufs Neue kaufen. Und auch das hat seinen Preis.

Alles Punkte, die durchaus diskussionswürdig sind. Diskutiert werden müssen.

Paradox: Einnahmen der Bauern zur Hälfte Beihilfen

„Jeder Bauer fährt einen Benz“, hieß es vor einigen Jahrzehnten immer. Das sollte assoziieren, dass es einem Landwirt gutgeht, er ausreichend Gewinne erzielt. Die heutige Realität sieht anders aus. Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft berichtet, dass der durchschnittliche Gewinn eines Bauern je Arbeitskraft im Wirtschaftsjahr 2017/2018 durch alle Betriebsformen hindurch 35.900 Euro lag. 2,7 Arbeitskräfte hat der durchschnittliche Hof, wobei 1,4 im Schnitt hiervon helfende Angehörige sind.

Und hier gibt es je nach Betriebsform noch erhebliche Unterschiede. Vornehmlich abhängig von Marktpreisen und Erzeugungsmengen. Am oberen Ende finden sich im genannten Wirtschaftsjahr Milchviehbetriebe mit über 48.000 Euro je Arbeitskraft (zwei Jahre zuvor in der Milchkrise waren es noch 23.000 €), wohingegen am unteren Ende der Gartenbau mit etwas über 30.000 Euro liegt. Ackerbaubetriebe liegen über 1.000 Euro unter dem Durchschnittswert.

  • Bei Bio-Bauern ist der Gewinn pro Arbeitskraft mehr als 4.000 Euro im Schnitt höher.
  • Aus dem erwirtschafteten Gewinn müssen neben der privaten Absicherung (Krankenversicherung, Altersvorsorge, usw.) auch die Personalkosten bestritten werden.

Wie wohl bei keiner anderen Betriebsform sind hierin die Beihilfen, vornehmlich aus EU-Töpfen und ebenfalls quer durch alle Betriebsformen, mit satten 46 Prozent enorm hoch (93 % im Schnitt bei Nebenerwerbsbauern).

Was insbesondere von den Milchbauern aus den vergangenen Jahren bekannt ist, die allenfalls kostendeckend oder gar mit Verlust ihre Produkte erzeugten, das trifft mehr oder minder auf alle Landwirtschaftsbereiche zu: Die Produzenten unserer Lebensmittel verdienen einfach zu wenig. Und andere, insbesondere der Handel, verdienen an der Ware vergleichsweise viel.

Die Macht des Handels und globale Ausrichtung

Laut Deutschlandfunk erhalten die Landwirte für ihre Erzeugnisse nur ein Fünftel der späteren Ladenpreises. Den großen Rest gönnen sich Zwischen- und Einzelhandel.

Diese Preispolitik hat insbesondere in Deutschland auch viel mit dem vergleichsweise hohen Anteil an Discountern und ihrem Einfluss auf die Preise zu tun. Discounter veräußern in Deutschland die Hälfte aller verkauften Lebensmittel. Ein Spitzenwert in Europa.

Ein dritter Kritikpunkt in Sachen Handel ist die Globalisierung der Märkte. Etwa ein Drittel der landwirtschaftlichen Produkte gehen ins Ausland. Davon wiederum ein Drittel sogar raus aus der EU. Durch diesen internationalen Handel entstünden Abhängigkeiten von großen internationalen Akteuren, die den Preis bestimmen.

Hinzu kommt, dass die Vermarkter ebenso wachsen und an Marktmacht gewinnen. Ein Beispiel in dieser Reihe: Der Preisverfall bei der Milch im Jahre 2016, der aufgrund des internationalen Handels und dem Druck der Verarbeiter zurückzuführen ist.  Längst werden die Preise für Weizen, Mais, Raps, Soja, Rind oder Schweine international und an den Börsen bestimmt. Regionale Bedingungen spielen hier keine Rolle mehr.

Mindestlohn verschlechterte Situation

Die Einführung eines Mindestlohns in Deutschland, grundsätzlich und selbstredend begrüßenswert, verschärfte die finanzielle Situation insbesondere für Betriebe mit arbeitsintensiven Pflanzenarten im Anbau. 60 – 70 Prozent seien hierdurch im Schnitt die Lohnkosten gestiegen, auch und gerade für saisonale Arbeitskräfte. Das schmälert den ehedem schmalen Gewinn der Landwirte drastisch.

Arbeitsintensive Kulturen verschwinden oder werden optimiert

Als besonders arbeitsintensiv gelten beispielsweise Zucchini, Erdbeeren, Radieschen, Schalotten oder Spargel. Schon zahlreiche Bauern hätten die Kultur solcher Pflanzen (laut agrarheute) eingestellt. Der Anbau wandert hierdurch letztlich ins Ausland.

Oder aber es wird modernisiert und technisch aufgerüstet, um die Lohnkosten zu reduzieren. Bei Erdbeeren etwa ist der Anbau in Gewächshäusern, idealerweise in Hochbeeten, keine Seltenheit mehr. Das reduziert den Arbeitsaufwand, sprich es müssen weniger Kräfte für gleiche Erntemengen eingestellt werden.

Ein anderes Beispiel sind die für viele Betrachter als umweltschädlich eingestuften Folien auf Spargeläckern. Diese dienen der Verfrühung der Ernte und der Qualitätssteigerung, um möglichst Spargel erster Klasse zu produzieren. Dieses Verfahren ist laut dem Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. (KTBL) letztlich auch der Billigkonkurrenz aus dem Ausland geschuldet. Das Fachgremium hat bereits 2007 in der Schrift „Spargelproduktion optimieren“ die wissenschaftlich gestützte Empfehlung des Folienanbaus herausgegeben. Warum? Der internationale Markt für Spargel – China und Peru sind die größten Produzenten der weißen Stangen – wachse kontinuierlich und löse ökonomischen Druck auf die deutschen Anbauer aus. Nur früher, ständig verfügbarer und hochwertiger heimischer Spargel hätte demnach noch gute Absatzchancen. Folien auf dem Acker und deutscher Spargel Anfang März wegen einem globalisierten Markt? Das ist eine der Folgen… Die Aufgabe ihrer Landwirtschaft eine andere.

  • In den letzten 10 Jahren haben 40.000 landwirtschaftlicher Betriebe geschlossen.
  • 1975 hatte Deutschland noch 940.000 Betriebe.

Weniger ernten vs. Verluste in der Lebensmittelkette

Die Bauern könnten weniger ernten mit weniger stickstoffhaltigem Dünger. Das ist eine der Klagen der Branchenvertreter. Bis zu 50 Prozent könne es ausmachen, wenn keine chemischen Mittel auf dem Acker eigesetzt werden. Laut Weltagrarbericht gehen dagegen in der ganzen Produktionslinie von Lebensmittel, – Fabriken, Handel, Restaurants und Privathaushalte – 30 bis 50 Prozent der Mittel zum Leben als Abfall verloren. Jede Menge Nahrungsmittel, die rein theoretisch gar nicht produziert werden müssten oder die Auswirkungen auf eine prognostizierte Lebensmittelknappheit verringern.

Hinzu kommen noch, selbst von der EU angeprangerte, unlautere Handelspraktiken des Einzelhandels. Hier versucht man seit 2018 neue, strengere Regeln auf den Weg zu bringen „Die Landwirtschaft steht am Beginn der Kette, und von der Landwirtschaft gehen die Produkte in den Handel, in die Verarbeitung et cetera, und da können wir schon beobachten, dass die Position der Landwirtschaft gegenüber den relativ großen Abnehmern eine vergleichsweise schwache ist.“ So Hermann-Onko Aeikens vom Bundeslandwirtschaftsministerium. Er begrüßt die Initiative der EU gegenüber dem Deutschlandfunk.

Gewisse Praktiken des Handels stehen auf der EU-to-do-Liste und sollen per Gesetz verboten werden. So kommt es regelmäßig zu kurzfristigen Stornierungen verderblicher Ware. „Ach, wir benötigen morgen doch nur ein Drittel der georderten Gurken“. Auf dem Rest bleibt der Bauer sitzen. Persönlich kenne ich den Fall eines, auch die sind nicht davor gefeit, Bio-Bauern. Dem sagte der Einkäufer, dass die eigentlich wunderbaren Hokkaidokürbisse seiner diesjährigen Ernte zu klein für die Gemüseabteilung seien. Auch der Rotkohl sieht jetzt nicht wie erwartet aus, Den würde kein Kunde kaufen. Selbst nicht im Bioladen. Ohne Turbodünger und Schädlingsbekämpfung letztlich kein Wunder, wenn die Natur es nicht so will, wie der Handel und offensichtlich auch der wählerische Konsument. Das Rotkraut wurde untergezackert, die Kürbisse zum Glück in einer Aktion via Soziale Medien in weniger als einer Stunde verteilt.

Wochenlanger, wohl sehr üblicher Zahlungsverzug und preisliche Abzüge der stornierten Waren – wäre dann auch noch gang und gäbe. Da will das Europaparlament etwas ändern. Bestellte Ware muss auch bezahlt werden, so ihre Forderung.

Warum nicht Direktvermarkter?

3,7 Prozent der 270.000 landwirtschaftlichen Betriebe, also etwa 10.000, sind Direktvermarkter. Sie haben einen Hofladen oder regionale Abnehmer wie Geschäfte, Restaurants oder die Kunden am Marktstand. Immerhin macht diese Nische laut Agrarmarkt Informations-Gesellschaft einen Branchenumsatz von 4 – 5 Prozent der gesamten Erträge der Bauern (Zahlen 2015). Mehr als der Durchschnitt also. Man bestimmt den Preis selbst, kann den Abnehmer mit Qualität überzeugen. Doch anstatt, dass die Zahlen der Direktvermarkter steigen, sinken sie.

Auf umweltfreundlich oder Bio umsteigen lohnt nicht nur finanziell

Landwirte haben es in der Hand, ihre Äcker und die umgebene Kulturlandschaft ein wenig, oder auch mehr, nachhaltiger zu beackern und vielfältiger für die heimische Flora und Fauna zu machen. Empfehlungen des Umweltbundesamtes sind u.a.

  • standortangepasste Bewirtschaftung
  • Schutz des Grünlands
  • Verbindung von Biotopen
  • Erhalt von Boden, Wasser und Artenvielfalt
  • Verpflichtung zur Aufzeichnung des Dünge- und Pflanzenschutzmitteleinsatzes.

Und das Gute: Diese sogenannten Agrarumweltmaßnahmen, daraus entstehende Mehrkosten oder Verluste, werden von der EU und national wie von einigen länderspezifischen Programmen im Rahmen der Agrarumweltförderung finanziell unterstützt.

Pestizide, die unterschätzte (Gesundheis-)Gefahr

Pestizide und ihre Gefahr für Mensch und Umwelt werden nicht wirklich intensiv getestet, auch nicht die Wechselwirkung verschiedener Mittel. Sicher ist: es stehen zahlreiche Mittel im Verdacht, krebserregend zu sein. Der Ökologie-Experte Johann Zaller (Buch: Unser täglich Gift. Pestizide, die unterschätzte Gefahr) sagt, das laut Weltgesundheitsorganisation WHO heute noch 40 Mittel eingesetzt werden, die gesichert als krebserregend gelten.

Laut dem Krebsregister von Kalifornien treten 60 und mehr Prozent mehr Erkrankungen an Leukämie, Gebärmutter- und Gebärmutterhalkrebs sowie Magenkrebs bei Landarbeitern auf, als im Bevölkerungsschnitt.

Auch die Gefahr an Lymphkrebs zu erkranken sei erhöht, wenn man, so Greenpeace, regelmäßig mit Pestiziden Kontakt hat. Zudem geht die Europäische Umweltagentur davon aus, dass das Parkinson-Risiko um 15 bis 20 Prozent steigt. Das Immunsystem würde es laut Zaller jedenfalls auch schwächen und Theorien besagen, dass die Weizenunverträglichkeit auch durch Pestizide ausgelöst werden könnte. Wer weiß, was noch.

Schnell mal die Welt retten mit zwei Maßnahmen?

Lange hielt die Regierungsbank die Füße still, auch dann noch, als eine überregionale Datenerfassung den Schwund von 75 Prozent der Bestäuberinsekten belegte. Vogelarten sind reihenweise bedroht, Fledermäuse, Amphibien, Wasserlebewesen ebenso. Hinzu kommt der Druck von Seiten der EU, endlich etwas gegen die teilweise schlechte Wasserqualität dank Nitrateintrag zu tun.

Weniger düngen, weniger spritzen – so sollen jetzt alle Probleme gelöst werden? Liebe politische Verantwortliche, das reicht nicht und sollte auch bekannt sein. Verschwundene oder geschädigte Kulturlandschaften werden mit so oberflächlichen Maßnahmen nicht gelöst.

Laut Weltagrarbericht muss hier deutlich mehr geschehen. Dann aber mit guten Einsparpotenzialen und Speichermaßnahmen in Sachen klimaschädlicher Gase.

So sind im Regelfall kleinteilige, arbeitsintensive Strukturen besser für das Klima als industriell betriebene Monokulturen. Regional und saisonal vertrieben, also Lebensmittel für die Region zu produzieren reduziert Transporte, Verarbeitungs- und Kühlketten.

Zudem sieht der Weltagrarbericht großes Potenzial in einer klimaschonenden Bodenbewirtschaftung. So sollte Ackerfläche nicht brach liegen, sondern permanent begrünt sein. Das Pflügen sollte lediglich nach tatsächlichem Bedarf erfolgen, heißt, es sollte nicht mehr und nicht tiefer gepflügt werden als nötig.

Nicht erst dank der Hitzesommer, aufgrund von bedrohlicher Erosion und der Problematik des Stickstoffdüngers sollte es zu einem systematischen (Wieder-)Aufbau des wertvollen Humusgehalts erfolgen. Fruchtbares Ackerland mit hohem Humusgehalt benötigt weniger Dünger, speichert Kohlenstoff und auch noch Kohlendioxid.

Auch für Hitzesommer ist man so gerüstet, da die Wasserspeicherfähigkeit stark humushaltiger Böden höher ist, als auf dem ausgelaugten Acker. Hierzu sollten Erntereste eingearbeitet werden, anstatt an der Oberfläche zu vertrocknen. Es sollten regelmäßig Gründüngungen und organisches Material ausgebracht werden. Mineraldünger sollte vermieden werden.

Auch sollten standortgerechte Kulturen erfolgen, die Anbaumethoden optimiert, ebenso wie die Bewässerung. Beikraut sollte (wieder) mechanisch und nicht mit Pestiziden beseitigt, Schädlinge mit biologischen Mitteln bekämpft werden. Schließlich sollte die Tierhaltung und -fütterung überdacht, Abholzungen vermieden und Aufforstung gefördert werden.

Schließlich fordern verschiedene Stellen eine Renaturierung der Ackerrandstreifen und die Integration von Bäumen und Heckenstreifen. Letztere schaffen nicht nur ein besseres Mikroklima, sondern verhindern Bodenerosion und fördern die Artenvielfalt. Dann würde die Landwirtschaft umweltfreundlich und nachhaltig. Und die Einnahmen der Bauern wären hierdurch auch vielleicht ganz andere. Auch und gerade, wenn der Konsument nicht nur auf Bauern und Verlust der Artenvielfalt schimpft, sondern seine Geiz-ist-geil-Mentalität ändert.

Zumal, eines darf man nicht vergessen: Es hat seine Gründe, dass seit 2007 40.000 landwirtschaftliche Betriebe aufgegeben haben. Und die verbliebenen 270.000 müssen stetig wachsen, bauen nur wenige Kulturen an, um eine wirtschaftliche Chance zu haben. Bereits die Hälfte ist heute größer als 100 Hektar.

Der Umgang mit Land muss sich generell ändern. Das reicht von der steten Landumnutzung (Acker- in Bauland und für Erneuerbare Energien) bis zum städtischen Grün und den eigenen Garten. Auch und gerade für das Klima.

Die zwei angekündigten Einschränkungen für die deutsche Landwirtschaft sind nicht nur zu kurz gedacht, sondern schlichtweg nicht ausreichend und nicht viel mehr Wert, als das angestrebte und stark kritisierte Klimapaket mit so Eckdaten wie Kohlestromausstieg bis zum Jahre 2035 oder gar 2038. In das die Landwirtschaft eng eingebunden sein müsste.

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