Kinder, die Corona-Pandemie und die Zukunft einer ganzen Generation

Kinder, Kitas, Home Schooling, Schulschließung und die seelische Gesundheit in der Corona Pandemie

Untericht an Schulen und die Zeit im Kindergarten haben weitaus mehr Bedeutung, als dass die Kinder Unterrichtsstoff lernen. Foto: Pixybay.com/Klimkin

Mediziner schlagen Alarm, denn die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen haben massive Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Was Studien hierzu ergeben und Fachleute für den Schutz einer ganzen Generation fordern.

Die Corona-Krise und damit verbundene Maßnahmen haben zahlreiche wie einschneidende Nebenwirkungen. Wenig richtige Beachtung hierbei finden Kinder. Nach wie vor und seit Monaten. Schulen und Kitas auf, dann wieder zu, Masken oder nicht, ineffizientes Homeschooling oder Präsenzunterricht, zahlreiche uneinheitliche Konzepte.

Am 10. August starteten verschiedene Bundesländer nach den Sommerferien mit dem Unterricht. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek von der CDU forderte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dazu auf, „dass in der Schule Mund- und Nasenbedeckungen getragen werden sollten, wenn die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können.“

Ähnlich sieht das Yvonne Gebauer, Ministerin für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen. Und sie erhielt letzte Woche einen offenen Brief zur Thematik, zur Maskenpflicht wie zu den gesundheitlichen Folgen für Kinder in der jetzigen Situation.

Offener Brief an NRW-Bildungsminiserien: Ärzte gegen Maskenpflicht

Anfang August haben 140 Unterzeichner, vornehmlich Ärztinnen, Ärzte, Wissenschaftler und Pädagogen, einen offenen Brief an Ministerin Gebauer veröffentlicht, in dem sie Kritik an der Einführung einer Maskenpflicht an Schulen im Bundesland üben. Unter Federführung der Oberärztin der Kinderambulanz des Gemeinschaftskrankenhauses in Herdecke, Dr. med. Karin Michael, sind sich die Unterzeichner darin einig, dass sich die Maskenpflicht auf die Entwicklung und die Psyche der Kinder auswirken kann. Denn, so die Argumente, es sei für junge Schüler wichtig, Gesicht und Mimik ihres Gegenübers sehen zu können.

Weiterhin äußern sich Michael und die anderen Unterzeichner dahingehend, dass die Maskenpflicht Angststörungen wie Waschzwang und Schlafstörungen verstärken könnten. Dies sei seit Beginn der Corona-Pandemie in steigenden Zahlen zu beobachten.

Die Verfasser fordern von Gebauer eindeutige Nachweise, dass die Maskenpflicht an Schulen einen Nutzen hätte. Rechtliche Schritte gegen den Erlass würden derzeit geprüft.

Studie belegt: Psychische Gesundheit von Kindern verschlechtert

Zu den obigen Behauptungen gibt es eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE) für die zwischen Ende Mai und Anfang Juni über 1000 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren sowie 1500 Eltern per Online-Fragebogen zu psychischen und psychosomatischen Auffälligkeiten befragten.

Psychische Gesundheit von Kindern hat sich während der Corona-Pandemie verschlechtert

Die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen in Deutschland hat sich während der Corona-Pandemie vermindert, sie berichten vermehrt von psychischen und psychosomatischen Auffälligkeiten. Be-troffen sind vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien. Das ist das wesentliche Ergebnis der sogenannten COPSY-Studie (COPSY = Corona und Psyche), in der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) die Auswirkungen und Folgen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht haben.

Soziales Leben und Kindesgesundheit

„Die Studie hat gezeigt, dass die Herausforderungen der Pandemie und die damit im sozialen Leben einhergehenden Veränderungen die Lebensqualität und das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen verringern und das Risiko für psychische Auffälligkeiten erhöhen. Die meisten Kinder und Jugendlichen fühlen sich belastet, machen sich vermehrt Sorgen, achten weniger auf ihre Gesundheit und beklagen häufiger Streit in der Familie. Bei jedem zweiten Kind hat das Verhältnis zu seinen Freunden durch den mangelnden physischen Kontakt gelitten“, sagt Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der Studie und der Forschungsgruppe „Child Public Health“ der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des UKE.

71 % der Kinder und Jugendlichen seelisch belastet

So fühlen sich 71 Prozent der Kinder und Jugendlichen durch die Corona-Pandemie seelisch belastet. Zwei Drittel von den Befragten gaben an, das sie eine verminderte Lebensqualität und ein geringeres seelisches Wohlbefinden hätten. Vor Corona war dies nur bei einem Drittel der Fall. „Wir haben mit einer Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens in der Krise gerechnet. Dass sie allerdings so deutlich ausfällt, hat auch uns überrascht“, sagt Prof. Ravens-Sieberer.

In der Studienbeschreibung heißt es „die Kinder und Jugendlichen machen sich mehr Sorgen und zeigen häufiger Auffälligkeiten wie Hyperaktivität (24 Prozent), emotionale Probleme (21 Prozent) und Verhaltensprobleme (19 Prozent).“ Hinzu kämen psychosomatische Beschwerden, die während der Corona-Krise vermehrt auftreten. „Neben Gereiztheit (54 Prozent) und Einschlafproblemen (44 Prozent) sind das beispielsweise Kopf- und Bauchschmerzen (40 bzw. 31 Prozent)“, so das Ergebnis von COPSY.

Vor allem Kinder in Familien mit Migrationshintergrund und deren Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss haben, seien besonders betroffen, so die Studie. Ravens-Sieberer fordert: „Wir brauchen dringend Konzepte, wie wir die Familien in belasteten Phasen besser unterstützen können. Wir wissen, wenn die Eltern belastet sind, sind es auch die Kinder. Und wenn verschiedene Belastungen zusammenkommen, nimmt das Risiko für psychische und psychosomatische Auffälligkeiten zu.“ Ein geregelter Schulbetrieb könnte hier deutlich Abhilfe schaffen.

So sieht das auch die Mehrheit der Kinderärzte in einer Befragung durch die pronova BKK.

Kinderärzte: Kindeswohl aus den Augen verloren

Kinder, Kitas, Home Schooling, Schulschließung und die seelische Gesundheit in der Corona Pandemie

Psychische und psychosomatische Auffälligkeiten bei einer ganzen Generation steigen und die Folgen könnten bis zum Heranwachsen lange anhalten. Foto: pixabay.com/aamiraimer

In der im Juni und Juli 2020 durchgeführten Studie „Homeschooling und Gesundheit 2020“ mit 150 niedergelassenen Kinderärztinnen und -ärzten wurde deutliche Kritik an den staatlichen Maßnahmen im vergangenen Schuljahr geübt. Die Politik habe das Kindeswohl sowohl bei der Festlegung der Einschränkungen als auch bei der Festlegung von Lockerungen zu wenig beachtet. Das meinen 78 Prozent der Kinderärzte.

Weiter heißt es in den Studienergebnissen: „71 Prozent [der Mediziner] teilen die Einschätzung, dass derart starke Einschränkungen für Kinder nicht noch einmal verhängt werden dürfen. Mit dem Infektionsrisiko durch Kinder müsse eine Gesellschaft leben.

Kindergesundheit in Gefahr

Was die COPSY-Studie bei ihrer Befragung belegte, bestätigen die Kinderärzte in den Alltagserfahrungen in ihren Praxen. Die Ärzte verweisen auf die negativen Folgen der Kita- und Schulschließungen wie auch der Kontaktbeschränkungen. All das beeinflusse die gesunde Entwicklung junger Menschen. Die Mehrheit der Pädiaterinnen und Pädiater diagnostiziert eine Zunahme seelischer Leiden bei jungen Patienten infolge der Corona-Einschränkungen. Zwei Drittel rechnen gar mit Corona-bedingten Traumata bei Heranwachsenden. Gerd Herold, Beratungsarzt bei der pronova BKK, sagt „Kindern und Jugendlichen wurde ihr gewohnter Alltag genommen, vertraute Strukturen brachen weg. Für viele eine einschneidende Erfahrung, die sie noch lange beschäftigen wird“. Offensichtlich deutlich stärker als die ganzen Umstände Erwachsene treffe. Und weiter fordert er „bei der Entscheidung über Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie dürfen auch die zum Teil gravierenden gesundheitlichen Folgen für Kinder nicht übersehen werden.“

Gegen nochmalige Kita- und Schulschließungen

Weiter heißt es in der Studie, dass eine große Mehrheit der Mediziner bei einer erneuten Infektionswelle gegen abermalige Kita- und Schulschließungen sei. Ein Drittel der Fachärzte sprechen sich sogar gänzlich gegen Einschränkungen in Kitas und Grundschulen sowie weiterführenden Schulen aus. Gut die Hälfte würde den Unterricht in Kitas und Grundschulen unter Hygiene-Auflagen ungehindert weiterlaufen lassen. 67 Prozent empfehlen bei weiterführenden Schulen bestimmte Auflagen in Sachen Hygiene.

Jeder zweite Kinderarzt ist dafür, dass der Nachwuchs künftig keine Einschränkungen zur Pandemie-Bekämpfung mehr erfährt. „Kinder haben ein Recht auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe – auch in Pandemie-Zeiten“, sagt Herold von der pronova BKK. „Ziel muss ein gangbarer Kompromiss sein, der den Infektionsschutz mit dem Recht der Kinder auf Bildung vereint.“

Präsident Bundesärztekammer: „Kinder sind kein besonderes Infektionsrisiko“

Kinder, Kitas, Home Schooling, Schulschließung und die seelische Gesundheit in der Corona Pandemie

Alles andere als effektiv und nachteilig für alle Beteiligten: Home Schooling. Foto: pixabay.com/congerdesign

Zum Schulstart unter Corona-Bedingungen meldet sich auch der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt zu Wort. „Kinder sind kein besonderes Infektionsrisiko“ stellt er nach diversen Studien, etwa der Universität Leipzig, fest. Genauso wenig zählen sie zu den Risikogruppen. Reinhardt konstatiert: „Wir müssen aber verhindern, dass sie durch Kitaschließungen und den stark eingeschränkten Präsenzbetrieb in den Schulen zu besonderen Verlierern der Corona-Krise werden.“.

Weiter sagt der Facharzt für Allgemeinmedizin: „Um das Infektionsrisiko zu vermindern, seien pragmatische Lösungen gefragt. „Masken in Aufenthaltsräumen und auf Schulhöfen können nützlich sein. Während des Unterrichts beeinträchtigen sie jedoch die Aufmerksamkeit, weil sie auf Dauer körperlich belastend sind. Sinnvoller ist es, besonders große Klassen zu trennen.“ Regelmäßiges Lüften, gewohnte Hygienemaßnahmen und Testmöglichkeiten in den Gesundheitsämtern für Pädagogen lauten seine weiteren Forderungen.

Die Bundesländer müssen jetzt den Mut haben, unter Einhaltung notwendiger Hygienekonzepte ein möglichst breites Spektrum von Präsenzunterricht in den Schulen sowie Betreuungsmöglichkeiten in den Kitas zu schaffen. Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass dies ärztlich vertretbar ist“, betonte Reinhardt. Bei regionalen Ausbreitungen des Corona-Virus sollten Kita- und Schulschließungen die letzte Option sein. Die Bundesländer sollten jetzt den Mut beweisen für Präsenzunterricht, denn auch er hat ansonsten die Sorge von Folgeschäden für Kinder und Jugendliche.

Seiner Meinung nach ist der Regelbetrieb zwingend erforderlich, da Kitas und Schulen mehr als nur Bildungseinrichtungen sind. Sie sorgen auch für ein körperliches wie seelisches Wohlbefinden durch strukturierte Tagesabläufe, nicht zuletzt durch den Kontakt zu Gleichaltrigen und pädagogisch geschulte Ansprechpartner. Nicht zu unterschätzen sei die Tatsache, dass Misshandlungen beim Homeschooling unentdeckt bleiben, ein Grund, warum er nicht nur einen weitgehenden Regelbetrieb, sondern auch Schuleingangsuntersuchungen fordert.

Kinderschutzbund: Angeordnete Inobhutnahme von Kindern mit Corona-Verdacht verletzt Kinderrechte

Psychische und psychosomatische Symptome nehmen zu, Fachleute sind sich darüber einig, dass die Gefahren von Kita- und Schulschließungen für eine ganze Generation groß sind. Dies hält einige Gesundheitsämter wie im süddeutschen Offenbach und Karlsruhe nicht davon ab, die Isolierung von drei- bis 11-jährigen Kindern, unter Corona-Verdacht anzuordnen. In diversen Bundesländern wird das Konzept ebenfalls diskutiert, wobei Isolierung zunächst heißt, dass sie sich in einem eigenen Zimmer aufhalten sollen. Nicht mal gemeinsame Mahlzeiten soll es noch geben, der Kontakt zu Eltern und Geschwister auf ein Minimum reduziert sein. Und dies bei Kindergartenkindern und Grundschülern.

Würden Eltern dem nicht folgen, könnte es zu einer Inobhutnahme in einer kommunalen Einrichtung kommen. „In mindestens einem Fall, der uns vorliegt, wird der Familie bei Zuwiderhandlung mit der Herausnahme aus der Familie des 8-jährigen Kindes gedroht“, heißt es in einer Pressemitteilung des Deutschen Kinderschutzbundes.

Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers zu der Maßnahme: „Die Situation der Quarantäne ist für Familien, insbesondere für Kinder ohnehin sehr belastend. Kinder in dieser Phase von ihren Eltern und Geschwistern zu isolieren, ist eine Form psychischer Gewalt. Der Kinderschutzbund empfindet diese Maßnahmen als unverhältnismäßig und nicht hinnehmbar. Die Drohung mit dem scharfen Schwert der Herausnahme und Unterbringung auf einer Isolierstation, verunsichert zudem Familien nachhaltig.“

Stattdessen fordert auch er „in allen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie dem Kindeswohl und den Kinderrechten Vorrang einzuräumen.“

Lehrer- und Elternvertreter: Kein Equipment, kein verlässliches Konzept

Mal von medizinisch-psychologischer Sicht abgesehen, dass Vieles nicht ausgegoren ist, darauf weist die Chefin der Gewerkschaft für Erziehung und Bildung, Marlis Tepe, hin. Sie sagte in einem Interview mit der „Wirtschaftswoche“: „Die Landesregierungen haben die Ferienzeit zu wenig für die konzeptionelle Arbeit genutzt. Auch und gerade in Hinblick auf den digitalen Unterricht. So hätten lediglich zehn Prozent der Lehrer einen für den Unterricht geeigneten Laptop oder ein Tablet von der Schule zur Verfügung (private Geräte dürften nicht benutzt werden) und in vielen Schulen teilen sich 1000 Kinder 100 Laptops. Unmöglich hiermit ein potenziell neues Homeschooling durchzuführen.

Ähnlich sieht es der Vorsitzende des Bundeselternrates, Stephan Wassmuth. Der Zeitung „Welt“ gegenüber meinte er, dass es ärgerlich sei, dass die Kultusminister die Sommerferien nicht genutzt haben, um ein verlässliches Konzept für Unterricht in Corona-Zeiten zu entwickeln.

Es muss sich was ändern in Sachen Corona-Pandemie, Kinder und dem Bildungsangebot. Experten müssten konsultiert werden und entsprechende, sinnvolle und nachhaltige Maßnahmen sind gefragt. Auch und gerade für das Wohl und die Entwicklung einer ganzen Generation.

 

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