Krankenhaus & Pflege im Alter: „Nach 3 Tagen kannst du tot sein“

Klinikbewertungen, schlechte Pflege und weisse Liste

Eine Gesellschaft wird immer älter, aber ihre Pflege ist alles andere als gesichert. Und häufig mangelhaft, wie verschiedene Verbände kritisieren. In der Altenpflege wie im Krankenhaus, auf welches sich dieser Text fokussiert. Foto: © Syda Productions – Fotolia.com

Laut der Gewerkschaft verdi fehlen heute in Deutschland 162.000 Pflegekräfte. 70.000 hiervon alleine in Kliniken. Und dies macht sich in einer schlechten, teils katastrophalen Pflege bemerkbar, die mehr und mehr Kritiker hat. Infos, Klinikbewertungen, persönliche Erfahrungen und warum Angehörige Kritik äußern sollten.

Dieser Artikel ist keine Kritik an Pflegepersonal, sondern vielmehr an einer Politik, die sich für das Patientenwohl nicht sonderlich interessiert. Genauso wenig wie die Krankenkassen und gewinnorientierte, selten an das Wohl ihrer Patienten denkende Klinikmanager. So viel vorab. Doch, es ist etwas im Argen mit der Pflege in deutschen Krankenhäusern, aber auch Altenpflegeeinrichtungen.

Zeitvorgaben für die Behandlung Schrägstrich Betreuung und vor allem fehlendes Personal, sowas geht für den Patienten oft nach hinten los. Nicht, dass sich Pflegekräfte oftmals sehr bemühen, den Patientenbedürfnissen gerecht zu werden. Schließlich machen sie diesen besonderen Job meist mit großer Leidenschaft. Doch, schlussendlich können sie es gar nicht, sich adäquat um ihre Patienten kümmern. Nicht mehr. Das habe ich häufig und in verschiedenen Einrichtungen in den letzten Jahren bei Angehörigen erlebt, erzählt bekommen und durch eine langjährige Rettungsdiensttätigkeit auch aus „einer anderen Perspektive“ erlebt.

Personalnotstand in Kliniken Alltag

Dieser Pflegepersonalmangel, so die Gewerkschaft verdi – nach einem Besuch von insgesamt 3.000 Krankenhausstationen -, hat zur Folge, dass im Schnitt nur 1 Schwester oder ein Pfleger auf 11 Patienten kommt. Im Vergleich: In Skandinavien kommen auf eine Pflegekraft 5 Patienten.

Nachts sei es sogar noch weitaus prekärer. Eine Pflegekraft auf 25 Patienten, in Privatkliniken, wie verdi bemängelt, nicht selten sogar 35 auf eine nächtliche Betreuungkraft. Und um es ganz deutlich zu sagen: Der Mangel ist nicht dem Fehlen von Personal geschuldet, sondern Personalstreichungen. Und dies ist lediglich gut für die schwarzen Zahlen des Krankenhausbetreibers, ganz und gar nicht zum Wohle des Patienten.

Mit eine Folge: Krankenhauskeim und Behandlungsfehler

Etwa 30.000 Patienten sollen nach aktuellen Schätzungen im Jahr am Krankenhauskeim sterben. Dies sei auf Arbeitsüberlastung, Inkompetenz und Ignoranz des Pflegepersonals, damit verbundener, mangelhafter Hygiene zurückzuführen. Dies berichtete bereits 2005 die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Und in diesen 10 Jahren hat sich trotz der Kritik nicht sonderlich viel geändert. Wohl eher im Gegenteil.

Hinzu kommt, wie der Sozialverband VDK berichtet, gibt es jährlich zwischen 40.000 und 170.000 Patienten, die mehr oder weniger eindeutig einem Behandlungsfehler über sich ergehen lassen müssen. Bei letzterem, selbst wenn eindeutig, ist es allerdings laut dem Verband nur sehr schwer, sein Recht durchzusetzen. Mal von der Dunkelziffer ganz abgesehen. Schließlich: Wer weiß schon, wie viele Menschen nach einem Behandlungsfehler starben?

Wallraff-Reportage: Pflege mangelhaft

Günther Wallraff, der Enthüllungsspezialist, schickte eine vermeintliche Krankenhauspraktikantin mit versteckter Kamera für 14 Monaten in verschiedene Kliniken und deckte so massive Mängel in der Krankenpflege auf. Eine Schwesternschülerin im ersten Jahr weist so beispielsweise die Praktikantin in Hygiene ein. Eher mangelhaft. So mangelhaft, laut Wallraff wie in vielen Krankenhäusern, mit ein Grund: Geld zu sparen, wie Wallraff vorwirft. Chronisch unterbesetzt und keine Zeit für Patienten, insbesondere jene, ohne Angehörige, die, so die verdeckt arbeitende Journalistin Pia Osterhaus, „in dem System vergessen werden“.

Mehr zu der erschütternden Reportage auf der RTL-Seite unter „Pflegefall“ Krankenhaus: Missstände in unseren Kliniken.

Tipps, wenn die Krankenpflege offensichtlich mangelhaft ist

Sich als Angehöriger einmischen ist Pflicht, wenn man Missstände wahrnimmt. Wenn Patienten nach Meinung der Angehörigen also unzureichend oder gar schlecht gepflegt werden, dann sollte man unbedingt das Gespräch mit dem Stationsarzt suchen. Ruhig hierfür Notizen, etwa über Missstände oder Beobachtungen machen. Unflätig werden bringt hier aber gar nichts – auch wenn Beschwerden in der Regel abgewiegelt werden –, sich mit dem Gespräch als kümmernder Angehöriger zu zeigen, indes schon. Wer so eine Diskussion mit einem jungen Assistenz- und Stationsarzt bereits geführt hat, weiß, was hier gemeint ist.

Aus eigenen Erfahrungen bringt es auch sehr viel, im Oberarzt- oder gar Chefarztbüro vorsprechig zu werden, dort mindestens anzurufen und Sachverhalte zu schildern. In meinem speziellen Fall: Noch am gleichen Tag wurde mein Vater nach so einem Anruf im Chefarztsekretariat auf einmal wesentlich intensiver betreut.

Auch das Nachfragen, wieso bestimmte Maßnahmen gemacht werden, andere, offensichtlich die Krankensituation verbessernde nicht, ist hilfreich. Beispiel: Mein 81-jähriger Vater lag in einer Geriatrischen Abteilung zur Genesung nach einer Lungenentzündung. Die Aufgabe einer Geriatrischen Abteilung ist es unter anderem, Patienten für den Alltag wieder fit machen.

Die vor dem Krankenhausaufenthalt sehr wohl vorhandene Selbständigkeit ging im Krankenhaus nach und nach verloren, da er, richtig, den ganzen Tag nur rumlag. Nach der konsequenten Ansprache dieses Themas beim Arzt: Physiotherapeutin kam, die Schwestern und Pfleger setzten ihren Patienten auch mal raus auf einen speziellen Pflegestuhl, es gab ein Übungsgerät zur Verbesserung der Lungenfunktion.

„Der Patient kann sich verschlucken“, ist ein gerne verwendeter Satz, um dem Rekonvaleszenten, meist älteren Patienten, ein Breichen hinzustellen. Meist der gleiche Tag für Tag. Griesbrei mit Apfelbrei, noch einen normalen Pudding dazu (gab es für einen Diabetiker!) oder andere pürierte Mahlzeiten. Im schlimmsten Fall gibt es sogar eingedicktes Wasser.

Das Personal hat keine Zeit, um die Essenseinahme zu überwachen oder auch zu helfen. So scheint es zumindest. Stattdessen heißt es: Das läge halt am Alter, man sei nicht mehr Herr seinen Schluckmechanismuses, und das hat auch die Logopädin bestätigt, bekommt man auf die Kritik dieser matschigen Ernährung gerne mal zu hören. Nicht nur ich, auch andere Verwandte und Menschen die ich kenne mit älteren Angehörige im Krankenhaus, bekommen das zu hören. Eine des Schluckens spontan unfähige Generation, bei der man sich ironisch fragen muss, wie konnte diese es vor dem Krankenhausaufenthalt überhaupt schaffen, so alt zu werden? Muss man dann wirklich fast verbrecherhaft leckere und feste Nahrung ins Krankenhaus reinschmuggeln, an der auch keiner erstickte oder eine Lungenentzündung bekam?

Was vor dem Krankenhausaufenthalt ging, das geht jetzt auf einmal nicht mehr, so die vernichtende Diagnostik. Gegenmaßnahme als Angehöriger: Gerne auf eine Diskussion mit dem zuständigen Arzt einlassen. Auch wenn es heißt „auf Ihre Verantwortung können wir das auch ändern“, „wir können hier und jetzt auch vereinbaren, dass es etwas anderes gibt“, „das wird dann in der Patientenakte vermerkt“. Sprüche, die ich persönlich hörte, mir aber auch von anderen bestätigt wurden.

Tipp für diesen an Psychospielchen erinnernden Sachverhalt, wie auch in anderen Fällen der Unzufriedenheit mit der Krankenpflege: Götter in Weiss gibt es nicht. Konfrontiert man aber gerade Ärzte mit verständlicherweise geäußerter Kritik, dann gibt es meist nur schroffe und sehr selbstsicher geäußerte Kommentare in so einer Konfrontation. Sie scheinen aber mehr Selbstschutz zu sein, deuten manchmal auf ein Ertapptsein hin und dienen letztlich oft nur der Arbeitserleichterung. Sage ich als Soziologe. Als normal denkender Mensch muss ich ergänzen: Im Liegen zu essen und zu trinken, da kann sich auch ein gesunder Mensch verschlucken.

Ist man übrigens völlig unzufrieden mit den Krankenhausleistungen und überdenkt eine selbst organisierte Verlegung;  gerne, aber auf Nachfrage bei unserer Krankenkasse, zahlt man dies in aller Regel aus der eigenen Tasche.

Weisse Liste: Persönliche Geschichten und unabhängige Klinikbewertungen

Die Weisse Liste ist ein Internetportal, auf dem man als Angehöriger oder Patient über derzeit 2.059 Krankenhäuser objektive wie auch subjektive Informationen und Klinikbewertungen finden kann. Die Weisse Liste ist ein Angebot und gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung und der Dachverbände der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen. Es gibt Tipps und Ratschläge in Sachen Arzt- und Krankenhaussuche, informiert neutral, aber auch mit Patientenerlebnissen oder gar Mitarbeiterstatements über das jeweilige Krankenhaus.

Hier zwei Zitate von Mitarbeitern und ihre eigenen Klinikbewertungen beziehungsweise Insiderinformationen über eine längst überforderte, fehlgeleitete und durchaus schlechte Pflege im Krankenhaus.

„Ich arbeite als Krankenschwester in einem Krankenhaus und ich liebe meinen Beruf, jedoch ist dieser nicht mehr attraktiv genug!!! Jeder kann täglich in ein Krankenhaus müssen, auch unsere Politiker, jedoch wird viel zu wenig für uns getan. Die Bezahlung ist sehr unattraktiv. Sie gehen teilweise mit 1200 Euro netto raus für jede Menge Verantwortung. Sie haben Menschenleben in der Hand!!!! Ich arbeite auf einer Intensivstation und habe teilweise vier Patienten zu betreuen, was gar nicht möglich ist. Sie müssen Patienten in Ihrem Stuhlgang liegen lassen, da sie keine Zeit haben, ihn „frisch“ zu machen!! Sie arbeiten immer unterbesetzt, das geht an die Substanz, und das Problem ist, sie bekommen keine Bewerbungen mehr rein, da niemand diesen Beruf ergreifen möchte, da ein Mann seine Familie nicht ernähren kann…“ Und auch eine Frau von diesem Gehalt in einer Großstadt nur schwer leben kann.

Ein Krankenpfleger schreibt auf der Weissen Liste in Sachen Krankenhausarbeit und Klinikbewertungen: „Ich schreibe hier als langjähriger Mitarbeiter im Pflegebereich (Intensivstation). Ich möchte nicht über einen einzelnen Fall sprechen. Ich möchte meine Fragen an die Politik stellen. Viele Argumente sind schon bekannt: mehr Operationen, mehr Patienten, mehr schwerstkranke Patienten, mehr Betten, weniger Personal. In allererster Linie denke ich bei meiner Arbeit an das Wohl des Patienten, danach erst an mich. Ich versuche seit geraumer Zeit, meine Prioritäten wieder zu verschieben. Es gelingt mir wieder öfter, mir die Zeit zu nehmen, um auf den Patienten eingehen zu können. Empathie zu entwickeln. Mich mit verwirrten Patienten zu unterhalten (wenn sie es denn können). Andere Dinge (z.B. organisatorische aber auch pflegerische) stufe ich herab. Die meist verängstigen Patienten (und auch Angehörigen) versuchen, mir (und unserem Team) es zu danken! Sollte dies nicht der Regelfall sein? Pflege braucht Zeit, um den Patienten adäquat versorgen zu können! Doch Zeit wird uns gestohlen, durch unsägliche lange Dokumentationen (ca. 1 h pro Schicht), durch höhere Patientenzahlen, durch weniger Personal. Weniger Personal bedeutet: deutlich geringere Qualität. Dies bedeutet: mehr Fehler, höhere Folgekosten. Für die Station, für die Klinik, für die Kassen, für die Volkswirtschaft! Wann wird dies endlich mal im Gesundheitsministerium erkannt? Wir brauchen keine Bachelorstudiengänge um die Qualität zu erhöhen! Wir brauchen MEHR Pflegekräfte AM Patienten!“

Diese Klinikbewertungen beziehungsweise die Kritik an einem krankenden Pflegesystem – hier am Beispiel Krankenhaus, aber in der Altenpflege sieht es nicht besser aus – sind beispielhaft und zufällig ausgewählt (stehen unter der Bewertung 1! Klinik) auf der Weissen Liste. Nachzulesen unter den Stories aus dem Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau. Dabei sind die wahren Patientenmeinung aus dieser oder anderen Kliniken noch gar nicht berücksichtigt.

„Wenn Du keine Angehörigen hast, die sich massiv für das Wohl des Patienten einsetzen, dann kannst du in drei Tagen tot sein…“ ist nicht unbedingt eine übertriebene, persönliche Meinung einer empörten Angehörigen. Manchmal kann es sogar am nächsten Tag der Fall sein. Selbst wenn sich eine Krankenschwester für den Patienten einsetzt.

Dies zeigt eine dritte Geschichte aus eben jenem Krankenhaus (nochmals: Andere Krankenhäuser haben ähnliche Geschichten auf Lager): „Ich hatte sofort ein ungutes Gefühl als sich nachts eine Patientin mit den klassischen Symptomen eines Herzinfarkts meldete. Die ältere Dame hatte große Angst sowie stärkste Schmerzen und Luftnot. Ich informierte den diensthabenden Arzt und äußerte meine Befürchtung. Ich hatte ihn geweckt und er versteckte seinen Unmut darüber in keinster Weise. Ohne die Patientin zu kennen oder gesehen zu haben ordnete er ein Schmerzmittel und ein Medikament zur Blutdrucksenkung an. Als die Beschwerden nicht nachließen rief ich ihn erneut an. Er kam sichtlich übel gelaunt auf Station und verschwand für nicht einmal 2 Minuten im Patientenzimmer, ordnete ein stärkeres Schmerzmittel an und ging wieder. Trotz meines beklemmenden Gefühls warn mir die Hände gebunden und ich konnte nichts für die Patientin tun, außer die Schmerzen zu lindern. Daraufhin kam die Dame etwas zur Ruhe und schien zu schlafen. Die Kollegen der Frühschicht fanden die Patientin nur kurze Zeit später tot in ihrem Bett auf.“ Sicher ein Extremfall. Aber: Wer weiß, wie oft so etwas oder ähnliches vorkommt?

Dass es überhaupt so ein Angebot wie die Weisse Liste mit Klinibbewertungen gibt, spricht Bände. Wer sich und seine Angehörigen in eher sichere Hände begeben möchte, nach Ärzten, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sucht, der kann auf der Weissen Liste zumindest Anhaltspunkte in den Klinikbewertungen sammeln. Leider stehen hier ganz viel gruselige Geschichten, die kein schönes Gesamtbild ergeben. Hier geht es zur Internetseite Weisse Liste.

Um eine gewisse Hilflosigkeit zu vermeiden, da ist eine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung gar kein Fehler.

Übrigens: Erst auf der Intensivstation fanden wir dann sehr, sehr freundliches, empathisches Personal vor. Pfleger wie einen Arzt, die sich Zeit nahmen. Der Arzt hat uns freundlich und mitfühlend erklärt, warum mein Vater am geplanten Entlassungstag, so plötzlich und unerwartet verstorben ist. Ein schöner sonniger Frühlingstag… An dem man sich fragte, ob man kritisch genug war. Den Mut dazu, also kritisch zu sein und Kritik auch zu äußern, den sollte man jedenfalls haben.

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