Gefahr Mikroplastik: Unmengen scheinen in Körper und Organe zu gelangen

Mikroplastik in Lebensmitteln

Mikroplastik ist einfach überall in der Natur zu finden. Nachgewisenermaßen nun auch in Lebensmitteln wie Obst und Gemüse. Was Jahrzehnte Wissenschaftler nicht glaubten, wurde leider jetzt belegt. Foto: Pixabay.com/Lumix2004

Zu Land, zu Wasser und in der Luft. Die ganze Welt ist voller winzig kleiner Plastikteilchen. Wie Forscher nun herausgefunden haben, ist Mikroplastik praktisch überall, macht auch vor Obst und Gemüse nicht halt, wodurch wir jährlich Zehntausende Mikroplastik-Teilchen zu uns nehmen, die nicht nur im Darm nachweisbar sind. Mit ungeahnten Folgen.

Viel wurde schon berichtet über die unzählbaren Mengen an Plastik in den Weltmeeren, woraufhin bereits seit Jahren vor dem Verzehr von Meeresfisch und Muscheln vorsichtig gewarnt wird. Doch nicht nur dort finden Wissenschaftler winzig kleine Plastikteilchen, Mikroplastik und Nanoplastik (im Folgenden meist nur als Mikroplastik bezeichnet, da im englischen Sprachgebrauch der Begriff Nanoplastik in den zitierten Studien selten Verwendung findet). Denn auch an Land, selbst in den entlegensten Winkeln der Erde und sogar in der Luft, überall ist mikroskopisch kleines Plastik zu finden. Eine noch junge Disziplin der Forschung will nun wissen, wie viel Mikroplastik der Mensch überhaupt und wodurch aufnimmt.

Von der hilfreichen Erfindung zum mikroskopisch kleinen (Umwelt-)Problem

Einst eine glorreiche Erfindung, die ab den 1950er Jahren in die Massenproduktion ging und deren Zahl jährlich steigt – 2015: 322 Millionen Tonnen (Quelle: Nature.com) -, ist Plastik heute ein richtiges Problem für diesen Planeten. Und seine Bewohner. Es verbreitet sich einfach überall und zerfällt in immer kleinere Teilchen über einen langen Zeitraum. In Sachen Mikroplastik wird heute aber noch hauptsächlich über die Gefahr für die Weltmeere und seine Bewohner gesprochen.

Doch Plastik oder Kunststoff in winzig kleinen Teilchen, ist genauso in der Luft oder im Wasser. Selbst im Regenwasser ist es enthalten, da der Regen den Kunststoff aus der Atmosphäre wäscht. Besonders drastisch sei dies in Städten wie eine Studie ergab. Bis zu 1.008 Plastikschnipsel wurden etwa in London je Quadratmeter und Tag gemessen. Und dies liegt nicht nur an der allgemeinen Umweltbelastung im urbanen Raum. Denn in einer entlegenen Pyrenäen-Region kamen noch 365 Mikroplastikstückchen vom Himmel.

So vielseitig Plastik in seinen vielen unterschiedlichen Formen und Bestandteilen ist, so sehr steht es heute in der Kritik. Längst nicht nur wegen der eigentlichen Müllberge selbst. Was aber leider nicht zu einer Verringerung der Produktion sorgt oder gar die intensive Suche nach umweltverträglicheren Alternativen forciert.

Auch und gerade, weil es auch in unseren Lebensmitteln enthalten ist.

Jährlich nimmt der Mensch Zehntausende Plastikteilchen zu sich

Schon seit Jahren wird über Mikro- und Nanoplastik und deren Vorkommen geforscht. Bedingt auch hierzulande, etwa im Trinkwasser. Forscher der kanadischen University of Victoria analysierten 2019 26 Studien aus aller Welt zum Thema „wie viel Mikroplastik nimmt der Mensch überhaupt auf?“.

Die Ergebnisse sind besorgniserregend, denn die Forscher fanden in ihrer Untersuchung heraus, dass Menschen jährlich im Schnitt mehr als 39.000 bis 52.000 Plastikteilchen durch die Nahrung aufnehmen, abhängig von Alter und Geschlecht. Die Forscher gingen hierbei von der durchschnittlichen Ernährung von US-Amerikanern aus.

Doch, da noch längst nicht alle Lebensmittel untersucht sind – hier: lediglich 15 % der Kalorienzufuhr -, kann die Aufnahmezahl noch viel höher sein, legt diese Studie nahe. Denn bis dato liegen lediglich Untersuchungen zum Gehalt in Fisch und Meeresfrüchten, Salz, Honig, Zucker, Alkohol und Trink- wie Leitungswasser vor. Obst, Gemüse, Getreide, Fleisch oder Milchprodukte wurden bis 2019 noch nicht auf Mikroplastik untersucht, da man davon ausging, dass hier kein Problem besteht, da Pflanzen das mikroskopisch kleine Plastik nicht aufnehmen könnten. So die Annahme.

Trinkt man regelmäßig Mineralwasser, dann kommen noch einmal bis zu 90.000 Plastikteilchen im Jahr hinzu. Dabei war es sekundär, ob in Glas- oder PET-Flaschen abgefüllt. Mehrweg, so mehrere analysierte Studien, enthielt erstaunlicherweise mehr Teile als das Wasser in Einwegflaschen. Leitungswasser enthalte indes nur einen Bruchteil der Partikelzahl.

Es liegt was in der Luft

Mikroplastik längst nicht mehr nur in den Meeren

Mikroplastik ist längst längst nicht mehr nur in den Meeren zu finden. Foto: Pixabay.com/A_Different_Perspective

Leider enthält heute die Luft, die uns umgibt, jede Menge Mikroplastik. Vor allem im urbanen Umfeld steigt die Konzentration an und sie weht es einfach überall hin oder Schnee und Regen lassen Sie auf den Menschen niederprasseln. Als eine der Ursachen wird Reifenabrieb genannt. Es gibt aber auch andere Kunststoffteilchen, die sich in der Luft befinden. Insgesamt wurden in der Regenwasserstudie 15 verschiedene Plastiktypen gefunden.

Mittlerweile erwiesen ist, dass der Mensch mit jedem Atemzug die mikroskopisch kleinen Kunststoffteile einatmet. Die Wissenschaftler kamen in Addition der bis dato untersuchten Lebensmittel und dem Einatmen auf 74.000 – 121.000 Mikropartikel, die der Mensch – exklusive dem Wasser – jährlich aufnimmt.

Was macht der Körper mit dem Mikroplastik?

Hier war man sich noch in der 2019er Studie unsicher. Sichergestellt war bis dato, dass das Mikroplastik über den Darm ausgeschieden wird. Proben hierzu erbrachten den Nachweis. Was es im Körper anrichtet, ob er überhaupt die winzig kleinen Plastikteilchen aufnimmt, dazu gibt es bis zum Frühjahr 2020 noch keine veröffentlichte Studien.

Nun gibt es zwei ganz aktuelle Studien, die besorgniserregende Erkenntnisse an den Tag brachten.

Mikroplastik in Obst und Gemüse nachgewiesen

Jahrzehnte wurde angenommen, das Obst und Gemüse keine mikroskopisch kleine Plastikteile über das Wurzelwerk aufnehmen könnten. Eine im August auf Science Direct veröffentlichte Studie hat leider das Gegenteil belegt. Die Wissenschaftler kauften in sechs Geschäften auf der italienischen Insel Sizilien jeweils sechs verschiedene, sehr gängige Obst- und Gemüsesorten. Sizilien wurde auserkoren, da die mediterrane Ernährungsweise prinzipiell als besonders gesund gilt.

Ausgewählt wurden Äpfel, Birnen, Salat, Brokkoli und Karotten, gängige Lebensmittel, die viele Menschen gerne und regelmäßig essen. Leider enthielten alle Proben winzig kleine Plastikteilchen. Bei dem Obst am meisten die Apfelstichproben, beim Gemüse waren es die Karotten. Und die Zahlen sind unglaublich: Die Forscher errechneten, dass etwa die durchschnittliche tägliche Teilchen“einnahme“ bei Apfelessern zwischen 462.000 (Kinder) und 1,4 Millionen (Erwachsene) Partikel in Nanogröße liegt. Das schlägt obige Zahlen um Längen.

Zudem nehmen die Forscher an, dass auch anderes Wurzelgemüse Mikroplastik aufnehmen kann und die Aufnahme durch Getreide sei laut einer chinesischen Studie ebenfalls gesichert.

Die Forscher erklären es sich so, dass Obst und Gemüse das Plastik über das Wasser aufnahmen und es sich über die Wurzeln verteile. Bei Birnen und Äpfel eben bis in das letzte Geäst und die Früchte.

„Wir wissen seit Jahren, das Plastik in unserer Luft, den Meeren, und der Erde ist. Und jetzt haben wir leider den Nachweis, dass Plastik in den Früchten und dem Gemüse enthalten ist, mit dem wir unsere Kinder füttern“, sagt Sian Sutherland, der Mitbegründer der Umweltkampagne Plastic Planet im Interview mit dem englischen Guardian.

„Aber ein 5-am-Tag von toxischem Mikroplastik und Chemikalien ist nicht das, was uns der Arzt verschreibt“, empört er sich weiter. „Ich rufe heute dazu auf, das dringende Untersuchungen angestellt werden müssen, was diese Toxine mit unserer Gesundheit machen. Heute mehr denn je müssen wir auf Wissenschaftler hören und nicht aus die Plastiklobby“.

Maria Westerbos, Gründerin der Umweltinitiative Plastic Soup Foundation ergänzt: „Wenn die Plastikteilchen in unser Gemüse gelangen, so kommt es auch in alles, was Gemüse isst. Das heißt, dass es auch im Fleisch oder Milchprodukten ist.“

Durch die Mechanismen der Speicherung wird es hier auch keinen Unterschied machen, ob der Konsument auf Bioqualität oder Lebensmittel aus dem konventionellem Anbau setzt.

Nachweis von Mikroplastik im menschlichen Körper möglich

Mikroplastik und Nanoplastik Forschung und Politik muss reagieren

Mikroplastik, Nanoplastik und die Basis dafür: Plastik überhaupt (auch in Kosmetik beispielsweise): Forschung und Politik muss schnellstens reagieren und nicht weiterhin auf einem Auge blind bleiben. Foto: Pixabay.com/xusanru

Mitte August 2020 haben Wissenschaftler der Arizona State University ein neues Verfahren vorgestellt, mittels dessen sich winzig kleine Plastikteile im Körper nachweisen lassen.

Studienleiter Rolf Halden: „Bisher konnten wir in der Leber und im Fettgewebe von Organspendern sogenannte Monomere nachweisen*. Das ist einer der Bausteine für Plastik. Auch andere Elemente wurden gefunden. Dies bedeutet, dass Plastikbestandteile eindeutig identifiziert werden konnten. Bisher konnten wir nur noch nicht nachweisen, dass das Plastik selbst sich in unserem Körper anreichert“, meint Halden weiter. Der Nachweis der Monomere durch Rolf Halden und seinen Kollegen ließ die Wissenschaftler vermuten, dass Plastikteilchen über das Darmepithel und die Blutbahn sich in Organen anreichern kann. Bei allen 47 Testorganen – Lunge, Leber, Niere und Milz -, die für die Untersuchung mittels Durflusszytometrie zur Verfügung standen wurde jedenfalls schon jetzt nachgewiesen, dass sie den Weichmacher Bisphenol A (BPA), ebenfalls ein Plastikbaustein und als löslich bekannt, enthalten. Bisphenol A steht im Verdacht, unter anderem hormonell zu wirken, Verhaltensstörungen auszulösen, fördert Unfruchtbarkeit, soll Diabeteserkrankung und Krebs (beispielsweise Brustkrebs) zur Folge haben können.

Plastik überall, nur nicht im Menschen?

Mit der eben vorgestellten neuen Analysemethode seien Duzende verschiedener Kunststoffarten, etwa PET von Plastikflaschen oder Polyethylene wie sie beispielsweise für Plastiktüten Verwendung finden, jetzt nachweisbar. “Es wäre naiv zu denken, dass Plastik überall ist, nur nicht in uns“, sagt der Forscher der Arizona State University. Halden sieht ein Risiko für die Gesundheit in diesen Partikeln, denn es sind chemische Verbindungen und Fremdkörper, die da in unseren Körper eindringen. In Tierversuchen wurde bereits belegt, dass Plastikteilchen in den Organen mit Unfruchtbarkeit, Entzündungsprozessen und Krebs in Verbindung gebracht wird.

Weitere Forschung dringend nötig

Die Wissenschaftler um Rolf Halden wollen zeitnah eine Studie zu Plastikfragmenten in menschlichen Organen durchführen. Bei den eingesetzten Spenderorganen – speziell der Wissenschaft gespendet – haben die Forscher oftmals auch persönliche Daten, was sie Rückschlüsse etwa auf Lebenswandel, Essensgewohnheiten oder Wohnort und mögliche Belastungsunterschiede ziehen lässt. Hiernach sollen epidemiologische Studien folgen.

Fazit: Schnelle Ergebnisse und Erkenntnisse sind dringend nötig. Zumal seit den 1970er Jahren bekannt ist, dass Plastikmüll die Meere mit immer kleiner werdenden Teilen belastet. Fast 50 Jahre später ist es an der Zeit, mehr Erkenntnisse zu sammeln. Auch und gerade bei einem massenhaften, wenn auch unfreiwilligen Konsum von mikroskopisch kleinen Plastikteilen, also auch und gerade durch Mikroplastik in Lebensmitteln.

Dass der ganze Konsum ohne Wirkung ist, kann man sich kaum vorstellen.

* Dieser Nachweis gelang mit einem Massenspektrometer.

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