Pflegestufe: beantragen, Tipps & Wissenswertes aus der Praxis

Pflegestufe beantragen, Leistungen der Pflegestufen I - III und Voraussetzungen.

Pflegestufe beantragen, Leistungen der Pflegestufen I – III und Voraussetzungen. Ein paar Praxiserfahrungen inklusive. Foto © Ingo Bartussek – Fotolia.com

Wir werden alle irgendwann älter. Eine Pflegestufe dann für sich oder Angehörige zu beantragen ist weder eine Schande, noch ein Fehler. Was die Pflegestufen überhaupt bedeuten und welche Leistungen enthalten sind, wie man eine Pflegestufe beantragt und wie auch pflegende Angehörige hiervon profitieren können und entlastet werden. Mit Praxistipps aus den eigenen Erfahrungen aus der Welt des Pflegedschungels.

Man muss nicht „alt und gebrechlich“ sein, oder ein „kompletter Pflegefall“, um für sich oder für einen Angehörigen eine Pflegestufe zu beantragen. Es gibt vielerlei Gründe für die Hilfe durch einen Pflegedienst und es kann durchaus auch nur Hilfe im Haushalt sein oder der Spaziergang für Mobilität.

Tatsächlich werden in Deutschland noch die meisten pflegebedürftigen Senioren zuhause gepflegt. Von Angehörigen oder in Zusammenarbeit mit einem Pflegedienst. Hier mal ein Überblick über die Pflegestufen-Leistungen und Pflegestufen-Voraussetzungen.

Pflegestufen, die einzelnen Leistungen und Voraussetzungen

Pflegestufe 1 – erhebliche Pflegebedürftigkeit

Leistungen der Pflegestufe 1 erhält man, wenn der tägliche Zeitaufwand für den zu pflegenden bei 90 Minuten liegt. 46 und mehr Minuten müssen hier auf die Grundpflege entfallen. Grundpflege ist: Körperpflege, Ernährung und Mobilität. Ist dies der Fall, dann sind die Voraussetzungen für Pflegestufe 1 erfüllt. An Pflegegeld für Angehörige gibt es hier 244 €.

Pflegestufe 2 – Schwerpflegebedürftigkeit

Leistungen der Pflegestufe 2 werden dann genehmigt, wenn der Zeitaufwand der Pflege täglich 3 Stunden beträgt. Zwei Stunden müssen hierbei täglich für die Grundpflege aufgewendet. Dies aber auf 3 x am Tag verteilt. Ist dies der Fall, dann sind die Voraussetzungen für Pflegestufe 2 erfüllt. Mehrmals wöchentlich den Haushalt erledigen inklusive. An Pflegegeld für Angehörige gibt es hier 458 €.

Pflegestufe 3 – Schwerstpflegebedürftigkeit

Leistungen der Pflegestufe 3 werden dann anerkannt, wenn täglich der Pflegeaufwand mindestens 5 Stunden beträgt, Grundpflege muss hierbei mindestens 4 Stunden Zeit einnehmen und erschwerend auch nachts. Hauswirtschaftliche Versorgung wieder inklusive, dann sind die Voraussetzungen für Pflegestufe 3 erfüllt. Bei erhötem Aufwand gibt es hier eine Härtefallregelung. Zudem gibt es in allen drei Pflegestufen noch einen Zusatz bei besonderer Pflegeintensität. Dies gilt für Demenzpatienten genauso, wie bei jenen, die beispielsweise dauerhaft Sauerstoff benötigen. An Pflegegeld für Angehörige gibt es hier 728 €. In allen drei Stufen erhält der Pflegedienst etwa das doppelte für seine Leistungen, die sich Pflegesachleistungen nennen.

Recht neu ist die Pflegestufe 0, die bei geistigen Einschränkungen wie etwa Alzheimer oder Demenz gewährt werden kann. Pflegende Angehörige erhalten ein Pflegegeld von 231 €.

Verrückt, was man sich manchmal einfallen lässt… Also das mit den 46 Minuten. Mit der Grundpflege steht und fällt übrigens die Einstufung.

Einstufung in eine Pflegestufe durch den Medizinischen Dienst

Der Termin zur Einstufung in eine Pflegestufe wird nach dem formlosen Antrag bei der zuständigen Pflegekasse der Krankenkasse innerhalb weniger Wochen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen, kurz MDK, stattfinden. Dieser fragt dann ganz genau nach dem Pflegeaufwand nach, gibt aber auch Tipps zu Hilfsmitteln.

Die Einstufung in eine Pflegestufe wird durch einen Bericht des Medizinischen Dienstes durchgeführt. Daher sollte man für diesen Termin gewappnet sein. Ganz wichtig: Eine, besser zwei Wochen ganz genau Buch führen, wie groß der tatsächliche Pflegeaufwand ist. Hierzu zählen nicht nur die Anzieh- und Ausziehhilfe oder die Körperpflege. Auch die Nahrungsaufnahme, Haushaltsreinigung, Einkäufe, Betten eines inkontinenten Angehörigen wechseln, der nächtliche Toilettengang und die Hilfe dabei, Medikamente richten und verabreichen, Fahrten zum Arzt und vieles mehr.

Dies alles zu notieren und ganz klar darüber referieren zu können, macht es nicht nur dem Patienten und den Angehörigen wesentlich leichter über den Pflegeaufwand zu berichten. Schnell vergisst man geleistete Dienste oder neigt sogar zur Verharmlosung. Letzteres ist stets zum Nachteil des Patienten wie der pflegenden Personen, da dies die Einstufung hauptsächlich beeinflusst. Ganz wichtig bei der Einstufung in eine Pflegestufe: Der Aufwand, der für die körperliche Pflege betrieben wird. Dies steht in aller Regel ganz oben für den einstufenden Dienst.

Zudem sollte man akute Erkrankungen oder Vorerkrankungen belegen können, etwa durch Arztbriefe, Medikationen auflisten können, Defizite und andere Einschränkungen. Tipp: Selbst ein Gewicht über 80 Kg gilt als Erschwernis und wird in den Bericht des Medizinischen Dienstes aufgenommen.

Man sollte beim Bericht zur Einstufung in eine Pflegestufe keinesfalls schwindeln. Aber man muss auch nichts schön reden, da man hier Pflegeleistungen oder monetäre Aufwandsentschädigungen verschenkt.

Pflegestufe wurde gebilligt, was nun?

Bereits vom Medizinischen Dienst wird abgefragt, ob ein Angehöriger, Angehörige oder eine Person des Vertrauens oder aber ein Pflegedienst die Pflegeleistungen übernimmt. Die pflegende Person erhält hierfür je nach Pflegestufe eine Aufwandsentschädigung oder der Pflegedienst entsprechend dem Gebührensatz ein monatliches Budget.

Nimmt man den Pflegedienst in Anspruch, dann sollte man sich ganz genau aussuchen, vielleicht Bekannte und Verwandte nach ihren Erfahrungen befragen. Gerne kommt ein ausgewählter Pflegedienst ins Haus. Hier kommt meist eine erfahrene Pflegekraft ins Haus, die einem nicht nur den Pflegedienst vorstellt, sondern auch manch wichtigen Tipp, etwa zu Hilfsmittel oder Zusatzleistungen, die die Krankenkasse zahlt. Aber nicht unbedingt hiermit „hausieren“ geht, so zumindest die eigene Erfahrung.

Es gibt allerdings auch Mischformen, über die – so wieder die eigene Erfahrung – nicht der Medizinische Dienst, sondern die Pflegeberaterin der Sozialstation richtig aufklärte*. Es gibt die sogenannte Kombinationsleistung. Der pflegende Angehörige wird durch einen Pflegedienst unterstützt. Hieraus wird der prozentuale Anteil errechnet, den der Pflegedienst – nach Pflegesatz, der höher als für Angehörige ist – und pflegende Angehörige als Entschädigung erhalten.

Aber, es geht auch anders. Beispiel: Eine Frau pflegt ihren Mann so gut es geht. Sie leistet auch fast alles, nur solche Tätigkeiten wie das regelmäßige Duschbad bekommt sie nicht oder nur schwer erledigt. Hier kann man von einem mobilen Pflegedienst beispielsweise 2 x die Woche im Rahmen der Ersatz- oder Verhinderungspflege Hilfe bekommen, verriet die Pflegeberaterin.

Die Kombinationsleistung muss hier also nicht unbedingt genutzt werden. Für die Verhinderungspflege gibt es – wie übrigens für die Kurzzeitpflege auch – ein Budget von 1.600 € im Jahr. Beide sind dafür gedacht, dass im Falle eines Urlaubs oder der Krankheit der pflegenden Person ein Pflegedienst oder Heim gezahlt wird. Oder eben ab und an mal eine Hilfe vorbeikommt.  Dann bleibt letztlich mehr von dem Pflegegeld übrig. Tipp: Einfach mal die ausgewählte Pflegestation oder bei einem der drei unten genannten Verbände fragen, denn die kennt sich in diesem Pflegedschungel bestens aus.

Pflegt man nun seinen Angehörigen und erhält die, je nach Pflegestufe entsprechenden Leistungen, dann kann man sich via Verhinderungspflege trotzdem Hilfe bei Aufgaben ins Haus holen, die so alleine nicht mehr zu bewältigen sind.

Einfach ausgedrückt: So lange, bis die 1.600 € pro Jahr aufgebraucht sind. Wie uns die Pflegeberaterin weiter erklärte, können zusätzlich 800 € aus dem „Topf“ der Kurzzeitpflege dazukommen, wenn diese bis Oktober nicht in Anspruch genommen wurde. Das sollte dann für eine professionelle Hilfe ab und an, etwa für das regelmäßige Duschen, ausreichen. Ohne dass der Angehörige auf das monatliche Pflegegeld verzichten muss.

Bei Pflegestufe gibt es Hilfsmittel

Es gibt heute zahlreiche Hilfsmittel, die das Leben bei Pflegebedürftigkeit im Alltag sehr erleichtern können. Rollator, Toiletten- oder Duschstuhl, Aufstehhilfe, WC-Sitzerhöhung, Badewannengriff, zahlreiche Hygienemittel und so weiter. Auch diese werden von den Krankenkassen im gewissen Rahmen bezahlt.

Im gewissen Rahmen heißt dies zum Beispiel: Windeln bei Inkontinenz ja, aber nur das „Kassenmodell“ wird zur Gänze und ohne Zuzahlung bezahlt. Ein vielleicht besseres Produkt verlangt dann eine Zuzahlung. Auch möglich: technische Hilfsmittel kommen schon mal von unterschiedlichen Herstellern oder Sanitätshäusern, eben von dort, wie die Kranken-, besser, Pflegekasse, am günstigsten einkauft.

Tipp zu den Hilfsmitteln: Wenn der MDK diese nicht gleich beim Erstbesuch vermerkt, dann muss man diese in der Regel auf Rezept des Hausarztes beantragen. Einfach losgehen, kaufen und Rechnung einreichen, so einfach ist es leider nicht.

Es gibt dann auch noch Zuschüsse für nötige Umbaumaßnahmen des Bades oder beispielsweise für einen Treppenlift im Eigentum. Bis zu 4.000 € kann hier der zu Pflegende erhalten.

Einspruch gegen erteilte Pflegestufe oder Änderung bei Zustandsverschlechterung

Innerhalb von 5 Wochen muss die Krankenkasse einen Bescheid über die Einstufung in eine Pflegestufe zusenden. Ist diese Ihrer Meinung nicht richtig, dann kann man innerhalb von 4 Wochen schriftlich Einspruch gegen die Einstufung in eine Pflegestufe erheben. Diese richtet man an den Sachbearbeiter bei der Krankenkasse – steht im Briefkopf des Bescheides – mit der entsprechenden Begründung. Die Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Diakonie oder unabhängige Pflegeberater sowie Anwälte sind hier im Zweifelsfall behilflich.

Hat ein Angehöriger bereits eine Pflegestufe, aber der Aufwand für die Häusliche Pflege oder für den Pflegedienst steigt, dann sollte man schnellstmöglich einen Antrag auf Änderung der Pflegestufe stellen. Wiederum schriftlich. Der Medizinische Dienst schickt hierzu oft zunächst ein Formular mit Fragen zum Gesundheitszustand und möchte hier die Änderung begründet haben. Hier sind auch wieder die (höheren) Pflegezeiten anzugeben.

Die erteilte Pflegestufe gilt übrigens ab dem Tag der Beantragung und wird jedes halbe Jahr überprüft. Diese Prüfung übernimmt dann beispielsweise die örtliche Sozialstation. Diese neuerliche Prüfung der Einstufung in eine Pflegestufe ist für Patienten und Angehörige kostenlos.

Weitere Tipps rund um die Pflege und Pflegestufen und was sich mit dem Pflegestärkungsgesetzt II ab 2017 ändern wird, hier die Informationen zur Pflege zuhause der Verbraucherzentrale.

Und hier gibt es unter Schritt 2 einen guten Vordruck für das Pflegetagebuch.

Info: Wird man durch einen Unfall zum Pflegefall, dann kann man sich, neben der üblichen Unfall- oder Berufsunfähigkeitsversicherung auch mit einer speziellen Unfallrente mit anschließender Pflegebedürftigkeit, temporär oder dauerhaft, versichern.

*Ob dies immer der Fall ist/sein kann oder von der Pflegekasse bzw. vom gut beratenden Pflegedienst abhängig ist, kann ich nicht verallgemeinern. In unserem Fall war dies jedenfalls so. Und die Pflegekasse sagte dann auch „ach ja… Das geht auch.“

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