Schlank und fit oder die Mogelpackung Protein

Proteine. vom Eiweiß Brot bis Protein Drink low carb und der Werbung

Proteine sind angesagt und viele Konsumenten setzen auf Eiweiß-Brot, Protein-Müsli, -Drinks und Co. Die Werbeversprechen sind eindeutig und reichen von tollen Muskeln über einen schönen, schlanken Körper, bis hin zur besseren Gesundheit. Die Krönung: Low Carb. Was ist dran an den Werbeversprechen? Verbraucherschützer sind mehr als kritisch. Foto: © vvmich – Fotolia.com

Schlank im Handumdrehen, sexy und so gesund – Protein ist das neue Zauberwort in Sachen Gesundheit und Idealgewicht. So verkauft es zumindest die Werbung für die unzähligen, stark proteinhaltigen Lebensmittel, die der neueste Trend im Lebensmittelhandel sind. Die Steigerung: Low Carb. Ein Trend, den es vor einem Jahrzehnt schon einmal gab. Und schnell wieder in Vergessenheit geriet. Was ist dran an der Protein-Bombe?

Die Extra-Portion Proteine – Wachstumsmarkt des Jahres

Lebensmittel mit der Extraportion Proteine sind im Trend. Während sich früher insbesondere Bodybuilder und Hochleistungssportler ihren Shake aus Proteinpulver anrührten, greifen heute unzählige Verbraucher im Lebensmittelhandel zu den  angesagten Produkten mit dem Aufdruck „hoher Proteingehalt“ oder gute „Proteinquelle“.

Die Gesellschaft für Konsumforschung, GfK, hat Protein-Produkte als das „Wachstumssegment des Jahres“ 2017 ausgemacht. Sie verzeichnen einen jährlichen Umsatzzuwachs von durchschnittlich über 60 Prozent. Um mit der Reichhaltigkeit an Eiweiß werben zu dürfen, setzen die Hersteller von Eiweißbrot, Protein-Müsli und Vanillemilch mit der Extraportion Proteine auf den Zusatz von Soja-, Erbsen-, Weizen- oder Ei- und Milcheiweiß. Und dies zahlt der Verbraucher an der Kasse mit einem gehörigen Aufpreis.

Der Marktcheck: Teure Spezialprodukte

Im Marktcheck von foodwatch kostete beispielsweise der „Protein Drink Vanille“ der Molkerei Bauer 40 Prozent bis das 2,5-fache mehr als eine herkömmliche Marken-Vanillemilch. Und Kunden, die das „Proteinreiche Knuspermüsli“ von Dr. Oetker kaufen, legen mehr als das Doppelte auf den Tisch, verglichen mit dem herkömmlichen Knuspermüsli der gleichen Firma. Schließlich kostet ein spezielles Protein-Brot doppelt so viel, wie das daneben liegende, ganz normale Vollkornbrot.

Der Protein-Drink schaffte es übrigens unter die fünf nominierten für den „Goldenen Windbeutel 2017“ der Organisation foodwatch. Diesen vergeben die Lebensmittelspezialisten nach einer Verbraucherabstimmung alljährlich an jenes Lebensmittel mit der dreistesten Werbelüge.

Die Experten von foodwatch nennen den Protein-Trend eine „ überflüssige Marketing-Masche, die Verbraucherinnen und Verbraucher teuer bezahlen. Selbst wer viermal die Woche joggen geht, braucht kein zusätzliches Protein“, sagte Sophie Unger von foodwatch. „Der Protein-Hype ist wieder eine von diesen sogenannten Innovationen der Lebensmittelwirtschaft, die nicht den Menschen hilft, sondern der Industrie.“

Normale Kost: Ausreichend Protein

Die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, kurz DGE, empfohlenen 0,8 g/Kg Körpergewicht pro Tag an Proteinen erreicht jeder durch eine ausgewogene Ernährung. Selbst ohne tierische Produkte wie Eier, Fleisch und Milchprodukte. Um die benötigte Menge an Proteinen zu erreichen, genügen laut DGE beispielsweise drei Scheiben Vollkornbrot, ein Glas Milch, ein Becher Joghurt, eine Portion Hülsenfrüchte und eine Mini-Portion Fisch zu essen.

Grundsätzlich nicht nötig und voller Zusatzstoffe

Proteine. vom Eiweiß Brot bis Protein Drink low carb und der Werbung

Mit ganz „normalen“ Lebensmitteln kann jeder seinen täglichen Bedarf an Proteinen decken und sogar leicht übertreffen. Ob tierisch oder pflanzlich. Hier: Ein Volkornbrot mit Frisch- oder Hüttenkäse. Dies genüge, etwa nach dem Training, als Extraportion Eiweiß für den Muskelaufbau. Foto: © nannycz – Fotolia.com

Den Eiweiß-Bedarf, den Normalbürger wie Leistungssportler benötigen, deckt man laut Verbraucherzentrale Hessen durch eine ausgewogene Ernährung und ganz normale Lebensmittel wie Milchprodukte, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Kartoffeln und Nüsse ausreichend ab. Überhaupt sei der vielfach beworbene Muskelaufbau nur dann möglich, wenn Muskeln Belastungsreize erhalten. Und dann sei gar nicht so viel Eiweiß nötig, denn Muskeln bestehen hauptsächlich aus Wasser und nur zu 20 Prozent aus Eiweiß.

Stattdessen sind die eiweißreichen Lebensmittel mit überflüssigen Süßungsmitteln, Zusatzstoffen, Aromen, Vitaminen und Mineralstoffen angereichert. Auch die Verbraucherzentrale Hessen sieht die Zusatzstoffe und die Zusammensetzung der Extraportion Proteine kritisch.

Schlechte Nachrichten für Figurbewußte

Sind wir plötzlich eine Nation von Hochleistungssportlern? Nein, denn laut GfK betreiben 70 Prozent der Konsumenten, die diese Produkte kaufen, kaum oder gar keinen Sport. Sie schenken oft vielmehr dem neuen „Low Carb“-Trend (low carb – engl. für wenig Kohlenhydrate; Diät mit maximal 50 g Kohlenhydrate am Tag und viel Eiweiß) ihre Aufmerksamkeit. Ziel ist es, mit eiweißreichen Produkten das Gewicht zu reduzieren und gesünder zu leben. Weniger Kohlenhydrate essen und dafür mehr Eiweiß zu sich zu nehmen ist Teil dieser Ernährungsphilosophie.

Eine proteinreiche Ernährung sättigt zwar besser als eine proteinarme, letztlich haben aber beide Gruppen von Lebensmitteln ihre jeweilige Menge an Kohlenhydrate. Erst diese zu reduzieren, so die Verbraucherzentrale Hessen, erzielt Erfolge beim Abnehmen. Wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zudem weiß: Laut verschiedener Untersuchungen gibt es wohl in den ersten 3 bis 6 Monaten einer proteinreichen Ernährung einen Abnehmeffekt. Dieser lässt allerdings mit der Zeit nach oder verschwindet ganz und der berühmt-berüchtigte JoJo-Effekt tritt ein.

Auch wenn Langzeitstudien zu Diäten wie Low Carb fehlen, so wird von Wissenschaftler vor einer einseitigen Ernährung mit der Low Carb-Diät gewarnt, wie die Zeitschrift Spektrum schreibt. Die am Markt erhältlichen Diätratgeber, die derzeit reißenden Absatz finden, sieht das Wissenschaftsmagazin als pseudowissenschaftlich an. Wer bei einer eiweißbetonten  Lwo Carb-Diät  schwerpunktmäßig rotes Fleisch, Eier oder die genannten Eiweißprodukte zu sich nimmt, der läuft Gefahr, den Level des schlechten Cholesterins LDL zu steigern. Dieser gilt langfristig als schädlich für das Herz-Kreislauf-System. Vom Vitamin- und Mineralienmangel ganz abgesehen. Viel Gemüse und Hülsenfrüchte müssten hierbei auf dem Speiseplan stehen, wobei vitaminreiches Obst oder Säfte bereits ob der Kohlenhydrate tabu sind. Ausnahmen: Beerenobst.

Foodwatch: Proteine in Lebensmittel sind Etikettenschwindel

„Die Lebensmittelindustrie verfolgt mit dem Protein-Trend das Ziel, mit billigen Zutaten einen höheren Preis zu erzielen. Und dass, obwohl das zusätzliche Protein in der Ernährung nicht einmal gebraucht wird. Proteinprodukte sind eine von vielen „Innovationen“ der Lebensmittelindustrie, die nicht an den ernährungsphysiologischen Anforderungen der Verbraucherinnen und Verbraucher ausgerichtet sind, sondern am eigenen Vermarktungserfolg. Offensichtlich ist der Protein-Zusatz die neueste Masche der Lebensmittelindustrie, Verbraucherinnen und Verbrauchern das Geld aus der Tasche zu ziehen.“ So lautet das Fazit der Berliner Organisation foodwatch zum Trend.

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