So können Parkinson-Patienten wieder Kontrolle über die Beine erlangen

Neue, alte Beweglichkeit und kein Freezing mehr bei Parkinson-Patienten

Parkinson sorgt im fortgeschrittenen Statium für Laufblockaden, Freezing genannt, und allgemeine Unsicherheit beim Laufen. Viele Patienten sind im fortgeschrittenen Verlauf auch an einen Rollstuhl oder gar das Bett gefesselt. Mittels einer neuen Methode können Forscher das nun ändern und die alte Beweglichkeit wieder herstellen. Foto: pixabay.com/MableAmber

Gerade im fortgeschrittenen Stadium einer Parkinson-Erkrankung haben Betroffene immer öfter einen Kontrollverlust über ihre Beine. Sogenanntes „Freezing“ (englisch für Einfrieren) macht sie bewegungsunfähig und beim Gegenteil der Überbeweglichkeit kommt es häufig zu unkontrollierten Stürzen. Nicht selten ist ein Gefesseltsein an den Rollstuhl oder gar die eigenen vier Wände und an ein Bett die Folge. Eine neue Therapiemöglichkeit verspricht hier sensationelle Erfolge und das Zurückerlangen der Kontrolle über die Beine.

Parkinson: zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung

Morbus Parkinson gilt als die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung nach Alzheimer. Neurodegenerativ wird die Erkrankung bezeichnet, da verschiedene Hirnareale allmählich ihre Funktion einstellen oder absterben.

Weltweit seien laut Deutscher Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen 4,1 Millionen Patienten an Parkinson erkrankt. Das sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre. Der Großteil der Diagnosen wird etwa Mitte 60 gestellt und deutschlandweit wird mit 250 000 bis 280 000 Parkinson-Patienten gerechnet.

Parkinson lange gut behandelbar

Parkinson ist lange Zeit sehr gut mit Medikamenten behandelbar, etwa mit dem Botenstoff L-Dopamin. Dieser ist unter anderem dafür verantwortlich, dass das Gehirn den Bewegungsapparat möglichst lange und weiterhin gut steuert. Denn, neben der Neurodegeneration, ist das Problem, dass bei Parkinson-Patienten dieser Botenstoff immer weniger gebildet wird. Dadurch sind Hirnareale wie eben der Bereich der Bewegungssteuerung mehr und mehr inaktiv. Dies hat zur Folge, dass die Zahl der Stürze, die im Alter sowieso deutlich steigt, bei betroffenen Menschen nochmals drastisch zunimmt. So ist bei Patienten mit fortgeschrittenem Parkinson die Sturzgefahr 10 Mal höher.

Aufgrund der Tatsache, dass die Menschen in Industrienationen immer älter werden – und die Hauptursache der Erkrankung an Parkinson ist im Älterwerden zu finden – stieg seit 1990 die Zahl der Patienten auf das Doppelte. Eine weitere Verdoppelung wird bis ins Jahr 2030 prognostiziert.

Leider hilft der Medikamenteneinsatz im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung in Sachen Mobilitätskontrolle nicht immer oder nur noch unzureichend. Irgendwann wird mindestens ein Stock oder eine stützende Hand benötigt, im fortgeschrittenen Fall ist oft kaum oder keine kontrollierte Bewegung auf den eigenen Beinen möglich. Die Patienten stürzen mitunter mehrmals täglich und können im Verlauf der Erkrankung leider auch ans Bett gebunden sein. Die Alltagseinschränkung mit all ihren, auch psychischen, Folgen ist hierdurch enorm.

Tiefen Hirnstimulation aktiviert wieder Hirnareale bei Parkinson-Patienten

Gute Ergebnisse beim Wiedererlangen einer besseren Mobilität werden hier, neben der Dopamin-Gabe, mit einer Tiefen Hirnstimulation, kurz THS, erzielt. Diese Stimulation aktiviert mittels Mikrosonde am entsprechenden Areal die Hirnzellen.

Eine neuerliche Studie aus Kanada arbeitet ebenfalls mit einem Implantat. Allerdings viel einfacher zu setzen, weniger risikoreich und mit, bis dato, sensationellen Erfolgen, vor allem was das „Freezing“ angeht, welches ab einem gewissen Punkt bis dato nicht mehr behandelbar war.

Neu: Stimulierendes Wirbelsäulenimplantat, ein genialer Signalverstärker

Ob L-Dopamin oder tiefe Hirnstimulation, beide Therapien setzen darauf, das Hirn selbst und direkt zu aktivieren. Doch das Dopamin schafft dieses Ziel irgendwann nicht mehr und bei der THS hat sich mit der Zeit gezeigt, dass die Erfolge mittelfristig begrenzt sind und unvorhersehbar. Die Forscher um Dr. Mandar Jog vom Lawson Health Research Institute in Ontario, Kanada, wollten dies ändern und einen Weg finden, die Instabilität, die Probleme mit dem Laufen und das Freezing zu besiegen. Die Ausgangsvermutung, neben der Degeneration des entsprechenden Bereichs im Gehirn: Parkinson verringert die Informationsleitung vom Bewegungsapparat in die menschliche Schaltzentrale.

Sie implantieren nahe dem Spinalkanal in der Mitte der Wirbelsäule, sozusagen die menschliche Datenautobahn zwischen Gehirn und in diesem Fall dem Bewegungsapparat, wie bei THS eine Elektrode. Ebenfalls implantiert wird ein Stimulator, der an- und ausgeschaltet werden kann und dessen Intensität der Patient selbst steuert. Diese Technik der Rückenmarkstimulation, in Fachkreisen auch Spinal Cord Stimulation (SCS) genannt, war bereits auf dem Markt und dient ursprünglich dem Zweck, Menschen mit sehr starken Rückenschmerzen Erleichterung zu verschaffen.

Die kanadischen Forscher haben festgestellt, dass dieses Implantat die Datenströme zwischen dem für die Bewegung zuständigen Bereich des Gehirns und dem Bewegungsapparat verstärken. Und dies in beiden Richtungen. Auf CT-Aufnahmen ist schon nach kurzer Zeit nachweisbar, dass die entsprechenden Bereiche des Gehirns von Patienten wieder aktiv sind.

Erfolgreich, selbst bei starken Einschränkungen

Bei den ersten 15 Patienten mit teils 15 Jahren Parkinson und Freezing-Symptom mit Rückenmarksimplantat konnten deutliche Verbesserungen in Sachen Bewegung festgestellt werden. Die 68-jährige Patientin Gail Jardine etwa berichtet, dass sie vor dem Eingriff mehrmals täglich stürzte. In den ersten zwei Monaten mit dem Stimulationsimplantat kein einziges Mal. Auch konnte sie nach zwei Jahren endlich wieder regelmäßige Spaziergänge mit ihrem Mann unternehmen. Vorher lange undenkbar.

Gleiche Erfolge bei Parkinson-Patient Guy Alden. Jahrelang war er an einen Rollstuhl gefesselt. Mit dem Implantat nicht mehr und er konnte sogar wieder auf Reisen gehen. So gewinnen die Patienten wieder die Freiheit, täglich aktiv zu sein, eine zurückgewonnene Lebensqualität, die weit über das eigentliche Wiederlaufenkönnen hinaus geht. Bei allen Patienten wurde nach sechs Monaten kein Freezing mehr beobachtet.

Die Forscher vermuten, dass die Ursache für den Erfolg der Maßnahme darin begründet ist, dass das Signal von den Beinen an das Gehirn verstärkt wird, nach dem Motto Befehl an das Gehirn, den nächsten Schritt zu koordinieren, bitte auszuführen. Gleichzeitig werden die entsprechenden Hirnareale wieder aktiviert, unabhängig von Dopamin-Gaben. Der Datenstrom, so die Annahme, wird in beide Richtungen verstärkt und nicht wie bei der tiefen Hirnstimulation lediglich in eine Richtung.

Kurzer Eingriff, langlebige Technik

Im Gegensatz zur OP und Nachbehandlung in Sachen Tiefen Hirnstimulation, die Patienten sind teilweise einen Monat in einer Klinik, dauert der minimalinvasive Eingriff für die Rückenmarkstimulation nur wenige Stunden und die Patienten sind nach wenigen Tagen mobil. Zumal die THS einen geringen bis keinen Einfluss auf das Freezing hat.

Der wiederaufladbare Stimulator hat eine Lebensdauer von 15 Jahren, wird für jeden Patienten auf dessen Bedürfnisse individuell programmiert und kann von ihm/ihr via Fernbedienung selbst gesteuert werden. In der dreijährigen Studienzeit haben die Forscher zudem festgestellt, dass di Wirkung einige Zeit auch noch anhält, wenn das Implantat komplett ausgeschaltet ist. Dies könnte damit erklärt werden, dass die zuständigen Hirnareale sich erholt haben.

Das folgende Video von Parkinson-Patienten zeigt den erstaunlichen Vorher-Nachher-Effekt. Es seien nun noch weitere Untersuchungen nötig. Wann die sensationelle Hilfe für Parkinson-Patienten marktreif und für jeden verfügbar ist, ist noch nicht bekannt. Dr. Jog jedenfalls sieht gute Anzeichen dafür, dass die Technologie bei vielen Parkinson-Patienten mit Mobilitätsproblemen als kosteneffiziente Alltagshilfe in Zukunft zum Einsatz kommen kann.

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