Warnung vor Ereignissen wie eine Flutkatastrophe: Wie können wir uns besser schützen?

Schutz vor Katastrophen wie Unwetter

Warnung vor Ereignissen wie der Flutkatastrophe: Wie können wir warnen und uns schützen? Foto: Pixabay.com/12019

Die verheerende Flutkatastrophe in Teilen Nordrhein-Westfalens und Rheinland-Pfalz im Juli 2021 hat gezeigt: Bei der Warnung der Bevölkerung vor großen Gefahren besteht Nachholbedarf. Warum Warnungen vor der Katastrophe nicht ankamen und was es bis jetzt für Möglichkeiten des Warnens gibt, was noch möglich wäre und gefordert wird.

Warnung vor extremen Regenmengen gab es rechtzeitig, aber nicht an

Noch immer wird diskutiert und gerätselt, wie die Unwetterkatastrophe mit weit mehr als 100 Todesopfer Mitte des Monats geschehen konnte. Ander Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes DWD lag es jedenfalls nicht. In der Warnung (für Rheinland-Pfalz und vom 12. Juli) für Vormittag von Dienstag, den 13.7.2021, bis Donnerstag, den 15.7.2012, nachmittags war jedenfalls da. Hierin warnte man vor extrem ergiebigen Regenfällen und der Text lautete:

  • „Regenmengen von 30 bis 70 l/qm können dabei teils in wenigen Stunden fallen, Mengen um 30 l/qm auch in kurzer Zeit. Akkumuliert sind bis Donnerstagfrüh 80 bis 180 l/qm möglich, punktuell können auch Mengen über 200 l/qm nicht ausgeschlossen werden. ACHTUNG! Hinweis auf mögliche Gefahren: Infolge des Dauerregens sind unter anderem Hochwasser an Bächen und kleineren Flüssen sowie Überflutungen von Straßen möglich (Details: www.hochwasserzentralen.de). Es können zum Beispiel Erdrutsche auftreten.“

Das Unglück geschah von Mittwoch, den 14., auf Donnerstag, den 15. Juli. Zeit für Maßnahmen, zumindest für eine lebensrettende Evakuierung, wäre gewesen.

Unwetterwarnung von mehreren Stellen

Gekennzeichnet war die Wetterwarnung – hier tagesaktuell abrufbar für jeden – auf der Wetterkarte mit violett für die später betroffenen Regionen, was bedeutet, dass dies die höchste Warnstufe darstellt, jene Stufe, die vor extremen Unwettern warnt.

Hier das Wettervideo des DWD vom 12. Juli, also zwei Tage vor dem dramatischen Ereignis, mit der ausgesprochenen Warnung und der Darstellung der später betroffenen Region (etwa ab 2:10):

Gleichsam rechtzeitig gewarnt wurde vom europäischen Flutwarnsystem EFAS, jener Agentur, die 2002 nach der verheerenden Flutkatastrophe an Elbe und Donau gegründet wurde, um in Europa ein Frühwarnsystem für solche Ereignisse einzurichten.

Mittlerweile prüft die Staatsanwaltschaft in Köln, ob Ermittlungen unter anderem wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen werden. Die Koblenzer Staatsanwaltschaft ermittelt bereits gegen den zuständigen Landrat in Ahrweiler.

Nicht ausgelöste und defekte Sirenen

Wie der Fernsehsender n-tv berichtete, seien in der nordrhein-westfälischen Stadt Rösrath keine Sirenen ausgelöst worden. Man hatte Bedenken, trotz der Unwetterwarnung, dass Panik unter der Bevölkerung entstünde und der Notruf 112 zu oft gewählt worden wäre. Das hätte die Notfallnummer blockieren können. Überhaupt hätte man diese Maßnahme erst mittels Medienberichten kommuniziert müssen. Ansonsten hätte es zu Panik kommen können heißt es von der Pressestelle der Kreisverwaltung. „Niemand hat damit gerechnet, dass es solche Ausmaße annimmt“. „Niemand hat damit gerechnet, dass es solche Ausmaße annimmt“, so die Pressesprecherin Birgit Bär.

Ähnlich schien es in der Stadt Euskirchen wo sich Anwohner über einen ausbleibenden Sirenenalarm beschwerten. Doch aus der Kreisverwaltung hieß es, dass sehr wohl die Sirenen ausgelöst wurden. Mancherorts war wohl die Technik defekt. Flutopfer hörten also keinen Alarm. Und dies ist nicht neu. Mehr hierzu weiter unten.

Wie sich jeder selbst informieren kann

Katastrophe im Ahrtal Dernau vor der Flut

Dernau war vor der Flutkatastrophe ein idyllischer Weinbauort im Kreis Ahrweiler. Foto: Pixabay.com/sabrinaschlich

Sich vorab über Unwetter zu informieren, gar vor einer solchen Flutkatastrophe wie das Jahrhundertereignis im Süden Nordrhein-Westfalens und der rheinland-pfälzischen Eifel, ist möglich.

Ein geeignetes Mittel hierzu sind die weit verbreiteten Smartphones, die noch mehr können, als Taschenlampe, Navigationsgerät, Kompass oder Spielekonsole zu sein. Hier können kostenlos verschiedene Warn-Apps installiert werden, mit denen der Besitzer vor Unwetter und anderen Katastrophen gewarnt wird.

NINA: Offizielle Warn-App des Bundes

11 Millionen Handy-Besitzer sollen mittlerweile die War-App NINA installiert haben. NINA steht für Notfall-Informations- und Nachrichten-App und ist das offizielle Warn-Tool des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe BBK. NINA meldet nicht nur Naturkatastrophen, sondern beispielsweise auch Großbrände, über Corona-Inzidenzen oder den Fund einer Fliegerbombe und wird nicht alleine vom BBK gespeist. Auch Bundesländer, Kreise und Kommunen, selbst Rettungsleitstellen können hier wichtige Informationen einspeisen. Gut ist, dass dann auch noch Verhaltensweisen angegeben werden.

Wetterdaten werden vom Deutschen Wetterdienst ab der Stufe 3, „markantes Wetter“, eingespeist. Wer genauere Wetterdaten haben möchte, der sollte noch eine spezielle Wetter-App installieren.

Wie sieht Nina in der Praxis aus?

Kürzlich machte sich Kritik an NINA in den sozialen Netzwerken breit. So wurde am 2. August 2021 in Köln eine Weltkriegsbombe gefunden. Der Fund war wohl vormittags um etwa 10:30 Uhr. Die Warnung davor wurde über NINA nach 15 Uhr ausgesandt berichteten mehrere User.

Bei der Naturkatastrophe in Ahrweiler hätte die App nichts genutzt, denn, so der SWR, der Kreis sei einer der wenigen, der das Warnsystem nicht nutze. Auch Rösrath hat NINA zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe nicht genutzt. Erst danach schloss man sich dem Warnsystem an.

Download:

NINA-App für Apple- oder für Android-Mobiltelefone.

KATWARN warnt regional unterschiedlich

Die Katwarn Warn-App wurde vom Fraunhofer-Institut entwickelt und war 2011 die erste offizielle Zivil- und Katastrophenschutz-App. Sie informiert über Unwetter, Überschwemmungen und Großbrände. Da die regionalen Zuständigkeiten sich unterscheiden, werden über Deutschland unterschiedliche Bereiche abgedeckt, was Informationen angeht.

Wie funktionierte Katwarn in der Praxis?

Das ZDF rekonstruierte die Katwarn-Aktivitäten in den am schlimmsten betroffenen Städten und Gemeinden. Immerhin: In der Region Bad Neuenahr-Ahrweiler wurden 22.000 Mobiltelefone informiert. So viel Menschen hatten die App auf ihrem Smartphone. Beim ZDF heißt es zu den Warnmeldungen vor der Unglücksnacht: „Katwarn verschickt am Mittwochvormittag um 11:17 Uhr eine konkrete Hochwasserwarnung für die Ahr und ihre Zuflüsse.

Die App warnte vor „schnell ansteigenden Wasserständen“ mit Überflutungen innerhalb der nächsten 24 Stunden.“ Und um 23:09 Uhr wurde mit der letzten Warnung vor der nächtlichen Flutkatastrophe aufgerufen, den Uferbereich rechts und links der Ahr zu räumen. Auch wenn tragischerweise 250 Meter vom Ufer entfernt in einem Pflegeheim 12 Menschen ertranken, so wurde doch eindeutig gewarnt. Warum es in der Region dennoch so viele Todesopfer gab, scheint unerklärlich.

In Nordrhein-Westfalen war wohl Folgendes als Warnung ausgegeben, wie das ZDF schreibt: „Durch die Überflutungen besteht in Teilen des Kreises Euskirchen akute Lebensgefahr“. Die Bevölkerung solle sich „in höhere Etagen ihrer Häuser begeben“. Parallel hierzu evakuierte die Feuerwehr Euskirchen drei Stadtteile.

Die Warn-App kann direkt unter Katwarn.de mittels QR-Code für das jeweilige Betriebssystem heruntergeladen werden.

WarnWetter-App vom Deutschen Wetterdienst

Warnung vor Katastrophen wie Starkregen

Die Warn-App vom Deutschen Wetterdienst DWD funktioniert zuverlässig und warnt auch vor möglichen Flutkatastrophen. Foto: Pixabay.com

Wenn es um Wetterereignisse geht, dann ist die WarnWetter-App vom DWD ideal. Sowohl die Öffentlichkeit, als auch die Einsatzkräfte der verschiedenen Hilfsorganisationen werden über aktuelle Wettersituationen Unwettergefahren vor Ort informiert.

Aber auch Leitstellen bekamen oben genannte Informationen. Warum lediglich punktuell reagiert wurde wie in Euskirchen ist unklar. Dies zu klären, wird wohl die Aufgabe der beiden Staatsanwaltschaften sein.

Was gibt es noch für Warnsysteme?

Früher hatte Deutschland 80.000 Sirenen, die vielerorts für Warnzwecke genutzt wurden. Heute gibt es von ihnen lediglich noch 15.000 deutschlandweit und überwiegend im ländlichen Raum. Städte wie Berlin haben gar keine Sirenen mehr.

TV, Radio und bedingt die Tagespresse sind Medien, die Warnungen aussprechen können. Wie sehr diese genutzt werden, zeigt obiges Beispiel des Nichtauslösens der Sirenen, trotz dem vergleichsweise großen Zeitfenster von Kenntnis der nahenden Regenmassen bis zum tragischen Unglück. Und eines muss auch klar sein: Medien und Apps werden nie alle Menschen erreichen. Dennoch wäre hierdurch vielleicht viel menschliches Leid verhindert worden.

Doch auch die Kombination aller Kanäle – mitsamt den Sirenen – funktioniert nicht einwandfrei. Dies belegte der Warntag am 20. September 2020. Am besagten Tag sollten, je nach Region, unterschiedliche Warnsysteme zwischen 11:00 und 11:20 Uhr zum Probealarm funktionieren. Dieser deutschlandweite Versuch ging deutlich schief. Vielerorts kamen Meldungen nicht an und Sirenen funktionierten nicht.

Auch wenn Besserung gelobt wurde, in 10 Monaten nach dem Test ist bis dato in dieser Hinsicht nichts passiert.

Geplant: Cell Broadcast, ein System für alle Handybesitzer

2020 und nach dem Warntag-Flop war bereits angedacht, das sogenannte Cell Broadcasting in Deutschland einzuführen. Cell Broadcast, auch SMS-CB (CB steht für Cell Broadcast), ist ein System, welches allen Handybesitzern im Bereich eines Funkmastens eine Nachricht schickt. Und dies völlig anonym und in rasender Geschwindigkeit. Mit dieser Technik könnten in wenigen Sekunden Millionen von Mobilfunkgeräten erreicht werden.

In Ländern wie den Niederlanden oder Japan (als Erdbebenwarnsystem) gibt es diese Nachrichtenfunktion bereits. In den Niederlanden gab es jedenfalls keine Toten durch die Flut, was allerdings auch an Schutzwällen und großen Abstand der Bebauung wie etwa zur Maastricht liegt.

Sicher wäre es sinnvoll, alle verfügbaren Kanäle zu nutzen. Und auch der Ausbau der Sirenen sollte wieder forciert werden. Strom- und Netzausfall zum Trotz könnten diese warnen. Etwa auch, wenn das Handy stumm geschaltet ist oder am Abend im Auto oder bei Freunden vergessen wurde.

Da fast ein ganzes Jahr vergangen ist seit dem Warntag und in Sachen Planung nichts passierte, ist noch nicht abzusehen, wann Cell Broadcast kommt. Hoffentlich vor der nächsten Unwetterkatastrophe. Zumindest Todesopfer könnten vermieden werden.

Das Dramatische: Althergebrachte Lautsprecherdurchsagen aus Feuerwehrfahrzeugen oder jenen des Technischen Hilfswerks hätten viele Menschenleben vor der Flutkatastrophe retten können. Die Vorlaufzeit war da…

Fazit: Jeder Handybesitzer sollte sich eine der Warn-Apps kostenlos auf dem Mobiltelefon installieren. Es muss ja nicht gleich eine Hochwasserkatastrophe sein, vor der wir rechtzeitig gewarnt werden. Und der Staat sollte nicht lange überlegen und ein zuverlässiges Warnsystem installieren. Besser heute als morgen. Dabei sollten Kosten nicht gescheut werden, denn, blickt man in den Westen Deutschlands, was jetzt an Ausgaben in den nächsten Jahren alleine für die Infrastruktur anstehen, ist noch gar nicht absehbar.

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