Warum die Angst vor Altersarmut zunimmt und begründet ist

Altersarmut in Zukunft noch mehr Senioren von Armut betroffen

Bereits heute gilt ein Viertel der Rentner als arm. Und die Zukunftsaussichten für einstige Rentner sehen alles andere als rosig aus. Foto: CCO/Pixabay.com/ anaterate

Nach einem langen Berufsleben das Alter genießen, das hat irgendwie jeder vor. Doch der Unruhestand und der Wunsch, sich im Alter etwas zu gönnen, scheinen für mehr und mehr Menschen durch Altersarmut bedroht zu sein. Nur ein Gefühl oder bereits heute und noch mehr eine zukünftige Realität?

Die Konjunktur brummt seit Jahren, das Bundesfinanzministerium verbucht rekordverdächtige Steuereinnahmen, das Beschäftigungsniveau ist so hoch wie nie, rechnet man ausgesteuerte, ehemalige Arbeitnehmer heraus. Da sollte es den deutschen Rentnern doch gut gehen.

„Eins ist sicher: Die Rente“ versicherte 1986 Norbert Blüm, damals Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung. Und dies war sie lange auch. Noch im Jahre 2000 gingen lediglich 20 Prozent der 60- bis 64-Jährigen einer Erwerbstätigkeit nach. Der große Rest der jungen Senioren konnte sich über eine Rente oder die Pension freuen, die damals noch mit weniger Abschlägen und ausreichenden Bezügen früher angetreten werden konnte.

Heute arbeitet mit 58 Prozent die Mehrheit dieser Altersgruppe. Mitverantwortlich hierfür ist die stete Anhebung des Renteneintrittalters. Aktuell liegt dieses bei 65 Jahren und sieben Monaten. Hier etwa mit 60 Jahren in Rente zu gehen, wäre für zu viele Menschen mit einem zu hohen Abschlag auf die Altersbezüge verbunden. Doch nicht nur dies ist ein Grund. Ein gesunkenes Rentenniveau, sinkende Stabilität am Arbeitsmarkt,  mehr und mehr Niedriglöhner und gestiegene Lebenshaltungskosten nötigen viele Bundesbürger dazu, länger zu arbeiten.

Sind dies die Gründe dafür, dass laut einer aktuellen Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young die Angst vor Altersarmut steigt?

Mehr Menschen haben Angst vor Altersarmut

Wohnen, Essen, Kleidung und Teilhabe am sozio-kulturellen Leben – heute haben mehr denn je Menschen Angst, im Alter in Armut leben zu müssen und sich Vieles nicht mehr leisten zu können. So ist nach einer aktuellen Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young die Angst vor Armut im Alter noch nie so hoch erfasst worden. Zwar würden die Deutschen generell optimistisch ins Jahr 2018 starten, doch mit 47 Prozent äußert annähernd jeder zweite Angst vor der Absicherung im Alter. Damit stieg die Angst vor Altersarmut in nur einem Jahr um zehn Prozent.

Und dies ist nicht nur ein Gefühl, sondern Fakt und hat seine Gründe.

Untere Einkommen: Heute schon viele arm

Insgesamt gelten knapp 20 Prozent der Einwohner Deutschlands als arm. Etwa ein Drittel aller Erwerbstätigen lebt trotz Einkünften in Armut. Dies ist der Fall, wenn man unter 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient oder entsprechend geringe Sozialleistungen erhält. In Zahlen sind dies bei Singles Nettobezüge von unter 917 Euro, bei Alleinerziehenden mit einem Kind unter sechs Jahren 1.192 und bei einer vierköpfigen Familie etwa 2.000 Euro. Besonders prekär sei laut Paritätischem Wohlfahrtsverband die Situation bei Alleinerziehenden mit zwei oder mehr Kindern unter 15 Jahren. 56 Prozent, also weit mehr als die Hälfte, leidet unter einer sogenannten Einkommensarmut. Minijobs, Teilzeitjobs und Löhne auf Minimalniveau sind hier die Gründe.

Dieser Umstand wird sich dereinst auch auf die Rente auswirken. War es für die heutige Rentnergeneration noch Usus stets in Vollzeit in Lohn und Brot zu stehen, oftmals sogar von der Schule bis zur Rente lediglich einen Arbeitgeber zu haben, so ist dem heute beileibe nicht mehr so. Das Fehlen stabiler und ausreichend entlohnter Beschäftigungsverhältnisse zieht selbstredend eine Instabilität der Versicherungsbedingungen nach sich. Ein großer Teil der zukünftigen Rentnergenerationen werden tatsächlich keine ausreichenden Altersbezüge haben.

Rentner besonders betroffen

Aktuell leben laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband bereits ein Viertel aller Renten- und Pensionsbezieher in Armut. Und diese Zahl, so der Verband, wird sich aus vorgenannten Gründen weiter nach oben entwickeln.

Heute schon gehen etwa 15 Millionen Menschen in Deutschland regelmäßig in eine der 2.000 Ausgabestellen einer Tafel, um dort Lebensmittel zu erhalten.

Private Anlagen verlieren an Wert

Eine steigende Altersarmut war der Politik spätestens zu dem Zeitpunkt klar, als 2002 die heute als Flop angesehene Riester-Rente eingeführt wurde. Gerade Bezieher kleinerer Einkommen konnten und können sich die vom Staat bezuschusste Zusatzrente einfach nicht leisten. Als Flop wird sie von verschiedenen Seiten bezeichnet, da einerseits Geringverdiener – die vornehmliche Zielgruppe für die teilprivatisierte Rentenabsicherung – Riester praktisch nicht annehmen, andererseits in dieser Sparergruppe die Gebühren für den Abschluss die staatlichen Zuschüsse zu Riesterverträgen praktisch aufzehren. Von einer Einkommenssteuerpflicht in der Auszahlungsphase mal ganz abgesehen.

Ein seit nunmehr zehn Jahren dauerhaft niedriges Zinsniveau wirkt sich zudem auf alle anderen Formen der privaten Altersvorsorge wie Lebens- und Rentenversicherungen aus. Gut- bis Besserverdienende Arbeitnehmer, aber auch Selbstständige, die auf eine private Altersvorsorge setzten, ahnen nichts Gutes, wenn sie auf ihre jährliche Bescheinigung über die Entwicklung ihrer zukünftigen Alterseinkünfte schauen. Hier profitieren lediglich jene, die einen Altvertrag mit festgeschriebener attraktiver Verzinsung von drei und mehr Prozent haben. Alle anderen Verträge, und das ist die Mehrheit, bekommt praktisch keine Zinsen mehr. Und auch die einst attraktive Überschussbeteiligung sinkt kontinuierlich. Mehr oder minder dramatische Lücken im Alter sind hier absehbar.

Mehr Schein als Sein

Altersarmut 2 in Zukunft noch mehr Senioren von Armut betroffen

Zahlreiche Fachleute warnen, dass bereits in naher Zukunft viel mehr Rentner in Armut leben werden, da das deutsche Rentensystem nicht mehr hält, was es einst versprach und auch die private Vorsorge weit hinter den einstigen Versprechungen bleiben. Foto: CCO/Pixabay.com/Bru-nO

Jahrelang wurde, und wird noch immer, das Rentenniveau gekürzt auf heute 48 Prozent. Dagegen hält aktuell die Große Koalition ihre vermeintlichen Errungenschaften der Mütterrente oder die Erhöhung der Erwerbsminderungsrente. So erhält, wer nicht mehr arbeiten kann – etwa 50 Prozent der eingereichten Rentenanträge aufgrund Arbeitsunfähigkeit haben psychische Erkrankungen als Ursache – etwa 50 Euro im Monat mehr. Für Mütter, die vor 1992 Kinder bekamen, gibt es pro Kind 61,38 (Ost) beziehungsweise 64,06 Euro (West), dank zweier zusätzlicher Rentenpunkte für die Erziehungszeit mehr. Beide so gelobten Verbesserungen der Bezüge reichen jedoch den meisten Menschen beileibe nicht, um sorgenfrei im Alter zu leben.

So rechnen im Falle der Erwerbsminderungsrente die Rentenspezialisten von Rentenbescheid24.de vor, dass ein arbeitsunfähiger Bundesbürger 2017 etwa 716 Euro im Schnitt von der Rentenkasse erhält. Viel zu wenig, um damit, und nicht nur in Ballungszentren und Großstädten mit teuren Mieten, über die Runden zu kommen.

Rente in Deutschland auf niedrigem Niveau

Wer sein Leben lang gearbeitet hat, bezieht nicht immer eine ausreichend hohe Rente. Im Schnitt sind es 51 Prozent (die OECD geht von 55 % aus, siehe Studie unten) der Nettobezüge. Männer und Frauen zusammengerechnet, wurden in den westlichen Bundesländern durchschnittlich 840 Euro netto und in den Bundesländern im Osten 975 Euro netto (vornehmlich aufgrund einer hohen Frauenerwerbsquote hier höher) an Renten ausgezahlt. Mit starken Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Laut Rentenatlas 2015, der die Rentenbezüge nach Bundesländern und größere Städte betrachtete, liegen Männer bei durchschnittlich etwa 1.000 – 1.100 Euro, Frauen bei 500 – 600 Euro. Und 2016 lag fast jede zweite Rente unter 800 Euro.

Andere Länder, andere Bezüge. Laut einer OECD-Studie (Grundrente 2017) ist Deutschland weltweit eines der Schlusslichter, was das Rentenniveau angeht. Dagegen erhalten

  • Österreicher 90 (noch dazu in 14 Monatsrenten = 1.436 € im Schnitt; mit einer Mindestrente),
  • Italiener 82 (allerdings mit derzeit zu hohen Ausgaben, bezogen auf das Bruttoinlandspordukt),
  • Dänen („Folkepension“ für jeden Arbeitnehmer: 1600 € vor Steuern, plus „Kapitalpension“ ab mittleren Einkommen; 5 – 15 % des Verdienstes wird hier eingezahlt),
  • Spanier 80,
  • Niederländer bis zu 101 Prozent (gesetzliche Grundrente von 1.138 €, plus 784 € für Ehepartner, plus Betriebsrente, plus freiwillige private Vorsorge; mit 5,9 % geringe Zahl als arm eingestufte Rentner, Stand 2016) des ehemaligen Nettoeinkommens.
  • Generell liege der Durchschnitt der OECD-Länder bei 73 Prozent der vormaligen Nettoeinkünfte. Ein Kritikpunkt der Rentenstudie der OECD: Deutschland hat keine Mindestrente.

Rentenniveau muss hoch, fordert Wohlfahrtsverband

„In den nächsten Jahren werden viele Langzeitarbeitslose und Menschen aus dem Niedriglohnsektor ins Rentenalter kommen. Für viele von ihnen ist der Weg in die Altersarmut vorprogrammiert“, warnt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. „Politik und vermeintliche Experten haben das Thema nicht ernst genommen oder in unverantwortlicher Weise schön geredet. Angesichts der vorliegenden Daten gibt es keinerlei Entschuldigung mehr für ein Nichtstun oder für Unzulänglichkeiten in der Bekämpfung von Armut im Alter und bei Erwerbstätigen“, so Schneider.

Mit ein Grund, dass der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert, dass zur Bekämpfung und Vermeidung der Altersarmut das Rentenniveau wieder von 48 Prozent auf 53 Prozent angehoben wird. Zudem solle der Mindestlohn auf aktuell 12,63 Euro sowie die Altersgrundsicherung – Leistungen der Sozialkasse, die die Altersarmut reduzieren soll – von derzeit 424 auf 628 Euro angehoben werden.

Apropos Grundsicherung. 2003 bezogen 439.000 Menschen Leistungen der Grundsicherung. Heute sind es knapp eine Million. Die Hälfte der Bezieher ist älter als 65 Jahre. Und Anspruch hätten aufgrund des genannten Anteils an altersarmen Menschen noch viel mehr. Aber vielfach wird der nötige Antrag bei der Rentenkasse oder dem Sozialamt aus Scham nicht gestellt.

Dass sich entscheidend am deutschen Rentensystem etwas ändern muss ist klar. Alleine der Fakt, dass heute 30 Berufstätige rein rechnerisch mit ihren Beiträgen 10 Rentner finanzieren, 2050 indes lediglich noch 15 Arbeitende dies leisten müssen. Und auch die Tatsache, dass auch in Zukunft bezahlter Wohnraum – nicht nur preisgünstige Sozialwohnungen – fehlen wird, macht die Lage und die Gefahr in Altersarmut zu leben, nicht geringer.

2014 sagte Norbert Blüm anlässlich des 125-jährigen bestehen der Rentenversicherung gegenüber der Saarbrücker Zeitung: „Wenn das Rentenniveau weiter so sinkt wie in den letzten Jahren, dann kommt man in die Nähe der Sozialhilfe, was die Rentenversicherung nicht nur um ihren guten Ruf bringt, sondern auch um ihre soziale Sicherungsfunktion“. Sein damals überzeugt getätigtes Statement zu sicheren Rente hat er selbst als Irrtum bezeichnet.

Rente aus Stein

Eine der wenigen Maßnahmen, mit der der zukünftige Rentner gegensteuern kann: „Die Rente aus Stein“. Sofern es irgendwie machbar ist, in eine Immobilie zu investieren, lohnt es sich heutzutage. Auch und gerade als Altersabsicherung, denn eines ist sicher: Die Mietpreise werden nicht sinken. Tipps & Praxistipps gibt es hier.

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